Ganz anders als vor einem Jahr

von Redaktion

Couragierte deutsche Vorstellung gegen England – VAR funkt dazwischen

VON GÜNTER KLEIN

München – Es ist ein schlichtes Motto, dem Hansi Flick als Fußballlehrer folgt: „Das, was nicht gut war, beim nächsten Mal besser machen.“ In der ihm eigenen Unaufgeregtheit hat der stille Arbeiter im Weinberg des DFB eine klare Steigerung seiner Nationalmannschaft bewirkt: Schade, dass ihr am zweiten Spieltag der Nations League der erste Sieg noch entglitt. Nachträglich bekam England einen Strafstoß zugesprochen, den Harry Kane in der 88. Minute zum 1:1 verwandelte. Dennoch: Das Spiel hob die Stimmung gut fünf Monate vor der Winter-WM in Katar. Es war auch eine ganz andere Vorstellung als die zauderhafte im Achtelfinale der EM vor einem Jahr unter der Verantwortung von Joachim Löw.

Hansi Flick wurde in der Fröttmaninger Arena mit einem „Zurück zuhause“ begrüßt. Der Ex-Bayern- und nun Bundestrainer hatte den Münchner Block gegenüber dem Italien-Match von sieben auf vier reduziert, nicht in der Start-Elf standen Niklas Süle, Leon Goretzka, Serge Gnabry und Leroy Sané, dafür durfte das Bayern-Publikum sein „Bambi“ Jamal Musiala von Beginn an sehen. Übrig geblieben waren vom Bologna-DFB-Team nur Neuer, Rüdiger, Kimmich und Müller – was eine Achse für die nähere Zukunft erkennen lässt.

Die Nations League mag als Wettbewerb schwer Anerkennung finden, dass ihnen dadurch ein Klassiker zugespielt wurde, nahmen die Menschen aber dankbar an. Das Stadion war voll, es herrschte freundliche Zustimmung, als beide Mannschaften vor dem Anpfiff auf die Knie gingen, um gegen Rassismus und Diskriminierung zu demonstrieren. Die englischen Anhänger freuten sich, wie man es von ihnen gewöhnt ist, über jedes Tackling und stimmten immer wieder ihr „God Save the Queen“ an, die Feierlichkeiten zu Elizabeths 70-Jahre-Thronjubiläum fanden in München ihre Fortsetzung.

Das Geschehen auf dem Rasen hatte mehr Intensität zu bieten als die müde deutsche Vorstellung in Italien, gegen die prominent besetzten Engländer kann man allerdings auch nicht gemächlich spielen. Da ging es bisweilen flott übers Mittelfeld hinweg, zweimal wurde falscher deutscher Toralarm ausgelöst. In der 13. Minute erfreute sich Thomas Müller an seinem kunstvollen Lupfer über Jonathan Pickford, hatte aber nicht gehört, dass das Spiel da gerade unterbrochen war. Kalvin Phillips war verletzt, für ihn ging es nicht mehr weiter, es kam der Dortmunder Jude Bellingham.

Richtiger Torjubel brach in der 23. Minute aus, der im rechten Mittelfeld spielende Mönchengladbacher Jonas Hofmann hatte die englische Abwehr durchbrochen und schob den Ball sehr souverän an Pickford vorbei – allerdings: Die Linienrichterfahne war für Abseits oben, die Videosichtung bestätigte, dass dem so war. Kein Tor. Es summierte sich einiges an Wartezeiten – zu acht Minuten Nachspielzeit in der ersten Hälfte. Deutschland hatte die drängerenden Szenen, aber die Three Lions waren ebenfalls gefährlich. Durch Harry Kane, nachdem Neuer eine Ecke nicht hatte festhalten können (27.), durch Saka, der Neuer einen gewaltigen Reflex abverlangte (45..+1).

Hofmann holte sein Torerlebnis nach, in der 51. Minute, Kimmich steckte perfekt zu ihm durch. Hofmann traf aus zehn Metern. Die Deutschen brauchten danach einige Male ihren Kapitän Neuer, hatten aber wieder starke offensive Momente wie durch Müllers Fast-Tor nach Flanke von Raum (70.). Am Ende musste sich Hansi Flick über den VAR ärgern – aber da war er nicht der Erste auf der Welt.

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