Vor 17 Tagen ist Hansi Flick mit seiner Mannschaft für die aktuelle Nations-League-Phase zusammengekommen. Und der Bundestrainer ist bemüht, das richtige Maß zwischen Gute-Laune-Modus und Knallhart-Arbeit zu finden. Im Kurz-Trainingslager in Marbella durften die Nationalspieler ihre Familien mitbringen. Im Gegenzug nahm Flick sein Team in den Trainingseinheiten lange und hart ran. Im Basislager in Herzogenaurach legt der Bundestrainer das Augenmerk auf Taktik und Teamgeist. Doch die zwischenmenschliche Komponente kommt bei Menschenfänger Flick auch hier nicht zu kurz. Nach dem 1:1 gegen England durften die Spielerfrauen am Mittwoch ihre Liebsten in Franken besuchen. Diese Art des „Liebes-Dopings“ soll der Mannschaft dabei helfen, endlich den ersten Sieg unter Flick in der Nations League einzufahren.
Die Uhr tickt Richtung Weltmeisterschaft, und die Unentschieden gegen England und Italien zeigen, dass die DFB-Elf in Katar noch nicht zum Favoritenkreis gezählt werden kann – auch wenn sie das selbst als Ziel ausgerufen hat. Der Neustart nach 15 Jahren unter Joachim Löw hatte zunächst vielversprechend begonnen. Viele Siege gegen kleine Nationen, ansprechende Leistungen. Doch auf der ganz großen Bühne zeigt sich, dass auch Flick nicht alleine durch Handauflegen und ein paar Einzelgespräche aus einer zuletzt ziemlich erfolglosen Nationalmannschaft sofort wieder ein Titelteam formen kann.
Der intensive, mutige Offensivfußball hilft, um das verloren gegangene Interesse der Fans wieder Schritt für Schritt zurückzugewinnen. Aber alles benötigt Zeit. Nach wie vor registrieren viele Fußball-Interessierte Länderspiele noch mit ziemlicher Gleichgültigkeit. Und weiterhin zeigt sich, dass das deutsche Gebilde auf dem Platz wackelig ist. Flick hat einige spannende Spieler im Aufgebot, denen gewiss die Zukunft gehört, die aber auch noch viel lernen müssen – wie beispielsweise Nico Schlotterbeck, David Raum oder Jamal Musiala. Die Perspektive, eine mitreißende Europameisterschaft 2024 im eigenen Land zu spielen, ist also gegeben. Der Umbau ist aber ein Prozess, der dauert, die Spieler müssen Erfahrungen sammeln. Flick kann sein Team in Katar weit führen. Die jüngsten Duelle mit den großen Nationen zeigten aber auch, wie schnell alles ins Wanken geraten und wie schnell wieder Endstation sein kann.
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