San Francisco – Ein bisschen Aberglaube hat noch nie geschadet. Zur Halbzeit also tauschte Stephen Curry, 34 Jahre alt und Basketballstar der Golden State Warriors, seine Schuhe. Er legte die violetten Wunderstiefel an, die drei Tage zuvor Legendenstatus erreicht hatten, als er mit 43 Punkten seine Warriors quasi alleine zum Sieg über Boston geworfen hatte. Es brauchte dringend Hokuspokus in der Nacht auf Dienstag. Denn Stephen Curry, längst von allen als bester Werfer der Weltgeschichte inthronisiert, traf einfach nicht. Am Ende des Abends riss seine Rekordserie. In allen 132 Playoffspielen zuvor hatte er mindestens einen Dreier verwandelt. Doch die Magie der Schuhe wirkte. Curry (16 Punkte, acht Vorlagen) und seine Mannschaft aus San Francisco gewannen. Mit Curry in violetten Sneakers sind die Warriors ungeschlagen in dieser Endrunde. Ein Sieg fehlt ihnen in der Serie gegen Boston – Stand nun 3:2 – zum Meistertitel. „Ich glaube, ich war noch nie glücklicher nach einer Nacht mit null Dreiern“, sagt Stephen Curry.
Amerika hat ein ambivalentes Verhältnis zu Curry entwickelt, den alle nur Steph nennen. Einerseits feiern sie ihn als transzendenten Star der höchsten Kategorie á la Michael Jordan. Keiner der ganz großen Stars kommt so gut bei Kindern an, wirkt so greifbar. Für sie ist er ein menschlicher Superheld in einer Liga von Außerirdischen. Mit einer Größe von 1,88 Metern gehört er zu den Basketballzwergen der NBA. Der Wurf hat ihn zur Ikone seiner Zeit gemacht. Selbst in Deutschland sieht man in beinahe jeder Halle Kinder im Curry-Trikot, die sich an Dreiern versuchen. Dieser Wunderknabe hat vor knapp zehn Jahren eine Revolution ausgelöst – und das ist noch nicht einmal eine Übertreibung. Seit der Basketball existiert, ging es darum, möglichst nahe an den Korb zu gelangen. Die Größten waren die Besten. Seit Curry seine Dreier aus acht, neun, teilweise zehn Metern versenkt, hat sich der Sport zu einem Spiel der Schützen entwickelt. Wer nicht werfen kann, schafft es heutzutage nicht mehr in die Liga. Der Curry-Effekt.
Und doch gibt es eine nicht kleine Gruppe im Land, die Curry den Zutritt ins Pantheon des Basketballs verwehren will, einen Platz neben Jordan, Larry Bird, Bill Russel oder Magic Johnson. Es ist die Last des Menschlichen, der klein wirkt neben den Großen. Seine Kritiker sagen: Bei keinem seiner drei Meistertitel räumte Stephen Curry den Titel als wertvollster Spieler der Finalserie ab. Wer in die heiligen Hallen will, braucht derlei Insignien. Bald könnte sich die Debatte in Rauch auflösen. Siegen die Warriors, wird der Aufbauspieler mit höchster Wahrscheinlichkeit zum MVP gewählt werden.
Dabei verkennt die Debatte den wahren Wert des Stephen Curry. Die Dynastie der Warriors existiert nur wegen ihm und der immensen Gravitation seines Wurfes, die die Gegenspieler auf ihn zieht, Freiräume für Mitspieler schafft. Sobald Curry die Mittellinie passiert, befindet sich die Defensive der Boston Celtics in Alarmbereitschaft. Von vielen Größen der Vergangenheit unterscheidet ihn auch sein Wesen. Weder umgibt ihn eine Aura der Unantastbarkeit, noch neigt er zur Überheblichkeit. Kritik äußert er subtil nicht direkt. Zuletzt witzelte ein Restaurant in Boston über die Kochkünste seiner Frau. „Ayescha kann nicht kochen“, stand auf dem Schild vor dem Eingang. Curry, Spitzname Chefkoch, ließ ein T-Shirt anfertigen, das er nach Spiel trug. Drauf stand: „Ayescha Curry kann kochen.“ Punktsieg Familie Curry.