Die Frage, wer als bestes Team der Welt und als Maßstab für zeitgemäßen Fußball anzusehen sei, würden viele wohl mit Frankreich beantworten. Weil man ja nur auf all die aufregenden Namen zu blicken braucht. Mbappé, Benzema, Griezmann in einer Mannschaft, da braucht man andere Kaderlisten gar nicht mehr durchzuscrollen. Allerdings: Kann man guten Gewissens eine Truppe als kommenden Weltmeister tippen, die in der Nations-League-Gruppe hinter den steinalten Kroaten, den netten Dänen und den von Ralf Rangnick gecoachten Österreichern an letzter Stelle liegt? Eigentlich nicht.
Man kann sich über die Franzosen nur wundern. Zu erklären ist es eigentlich nicht, dass sie derart abschmieren. Ihr WM-Triumph von 2018 war verdient, hinterließ aber das Gefühl, es bestünde noch Luft nach oben aufgrund der gesunden Struktur in der Equipe tricolore. Doch bei der EM im vergangenen Jahr kam sie nicht richtig auf Touren und schied – okay, kann passieren – in einem Elfmeterschießen aus. Auch in der Termindichte der Nations League und am Ende einer Saison, in der die international beanspruchten Stars aus den Vereinen noch mehr ausgepowert sind als das Fußvolk, genügen zwei schlechte Wochen, um sich aus dem Wettbewerb zu befördern.
Was der schwer zu bewertende Fall Frankreich zeigt: Wenn der größte denkbare Triumph vollbracht ist, sollte sich der Spiritus rector, der Trainer, mit leuchtendem Heiligenschein verabschieden. Was Besseres kann nicht mehr kommen, das hat zuletzt Joachim Löw erfahren müssen, und auch Didier Deschamps erliegt der Verlockung, ein Leben zu führen, das im ewigen Wohlgefühl weiter geht. Ein junger Spieler darf als Champion nicht zurücktreten – ein Trainer hat das Privileg, es tun und sich neu orientieren zu dürfen.
Was Frankreich auch lehrt: Der Fußball lässt es nicht mehr zu, dass sich eine Ära bildet. Es werden ohne Unterlass neue Ideen und neue Spieler fabriziert – und der Gesättigte muss gegen eine wachsende Meute Hungriger antreten. Spanien durchlebt das seit geraumer Zeit. Das Scheitern hat das Gewinnen verdrängt.
Für Katar bedeutet, was jetzt ist, allerdings nichts. Alles ist anders: Jahreszeit, Dauer, Reisesituation. Eine WM, für die sich aus keinem je gespielten Turnier etwas ableiten lässt. Vielleicht hat sogar Frankreich eine Chance.
Guenter.Klein@ovb.net