„Wir haben uns kaputt geackert“

von Redaktion

Die Boxlöwen ziehen sich aus der Bundesliga zurück, Boss Cukur spricht über die Gründe

München – Mit dem Start in der Bundesliga haben sich die Boxlöwen in der vergangenen Saison einen großen Traum erfüllt. Aber bleibt es nur bei einer Saison? Der Rückzug wurde angekündigt, der Aufwand ist zu groß, es gibt zu wenig Unterstützung. Ali Cukur (61), Abteilungsleiter Boxen beim TSV 1860 München e. V., fühlt sich dabei vor allem von der Stadt im Stich gelassen, wie er im Interview mit unserer Zeitung verrät.

Herr Cukur, die Boxlöwen haben sich aus der Bundesliga zurückgezogen. Warum?

Wir wollten weitermachen, aber die Umstände haben uns keine andere Wahl gelassen. Für die Athleten war es eine super Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Aber der Aufwand war für uns Funktionäre, die ehrenamtlich arbeiten, nicht mehr zu stemmen. Wir haben uns kaputt geackert.

Woran fehlt es aktuell?

Wir bemühen uns seit Jahren, dass wir eine eigene Halle haben. Mit einer eigenen Kampfstätte würde es uns auch deutlich leichter fallen, uns selbst zu finanzieren. Wir haben in der Bundesliga geboxt und mussten für die Halle in der Säbener Straße jedes Mal Stühle selbst besorgen und dann irgendwo lagern. Wir dürfen auch auf einmal kein Bier mehr verkaufen, da es eine Schulsporthalle ist. Wir sind aber keine Schulsportveranstaltung. Direkt unter der Halle ist übrigens eine Gaststätte, in der Alkohol verkauft wird. Überall gibt es nur Bremsen, überalle werden Türen zugemacht. Das sind keine würdigen Bedingungen. Wir könnten in der Liga weitermachen, wenn uns die Stadt München unterstützt.

Mit einer eigenen Halle?

Uns wurde versprochen, dass wir eine eigene Halle bekommen. Jetzt will davon niemand mehr was wissen. Verena Dietl war bei uns zu Besuch und war erstaunt, wie viele Kämpfer auf engem Raum trainieren. Sie war aber bei keiner Veranstaltung von uns in der Bundesliga, auch Dieter Reiter hat sich nie um unsere Belange gekümmert. Von der Stadt fühlt man sich da schon im Stich gelassen. Wir waren in Schwerin und waren schockiert, was sie dort alles für Möglichkeiten haben. Davon können wir nur träumen.

Merken Sie ein gesteigertes Interesse am Boxen in München durch die Teilnahme an der Bundesliga?

Wir hatten eine Festzeltveranstaltung in Trudering mit 2000 Zuschauern. Das schafft kein Verein in Deutschland. Wir platzen aus allen Nähten. So viele Leute wollen jetzt bei uns mitmachen, die ich gar nicht mehr aufnehmen kann. Es kann aber auch nicht der Sinn sein, dass wir nur die guten Boxer behalten. Wir wollen ja nicht nur gute Boxer, sondern gute Menschen ausbilden.

Bei Ihnen geht es nicht nur um den Sport, sondern auch um die soziale Arbeit mit Jugendlichen.

Unsere Abteilung geht weit über den Sport hinaus. Die soziale Komponente steht bei uns ganz weit oben. Wir engagieren uns für die Münchner Jugend, holen Jungs von der Straße. Keiner unserer Jugendlichen ist negativ aufgefallen, keiner kriminell geworden. Was wir der Stadt München an Arbeit ersparen, ist immens. Aber das Ganze wird einfach nicht wertgeschätzt.

Wie betrachten Sie die Saison sportlich?

Wir haben Großes geleistet. Sportlich bin ich sehr zufrieden. Wir haben aus eigenen Reihen vier, fünf Kämpfer in die Bundesliga gebracht. Das schaffen andere Vereine nicht, die treten nur mit Leihboxern an. Gegen Chemnitz wurden uns dann klare Siege nicht zugesprochen. Vielleicht lag es daran, dass wir uns vorher ein bisschen mit dem Verband angelegt haben.

Sie haben sich während der Saison sehr über den Verband geärgert.

Ich möchte kein böses Blut mit dem Verband. Das ist mir wichtig zu sagen. Die Liga muss aber deutlich attraktiver werden. Bei uns gab es Ärger mit Kampfausweisen. Deshalb wurde uns der Sieg genommen. Das hat mich sehr geärgert. Der Verband muss sich Gedanken machen, warum nur vier Vereine in der Bundesliga antreten. Das ist der Wahnsinn. Der Verband muss zusammen mit den Vereinen sprechen, was in Zukunft besser gemacht werden kann. In der Vergangenheit wurde zu oft gegeneinander gearbeitet.

Interview: Nico-Marius Schmitz

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