Köln/London – Der Olympiasieger fehlt. Die Nummer eins ist verbannt. Der Rekordsieger pausiert – und die Titelverteidigerin hat sich in den Ruhestand verabschiedet. Ohne eine Handvoll Topstars wie Alexander Zverev, Roger Federer oder Branchenführer Daniil Medwedew und ohne Punkte für die Weltrangliste ist das berühmteste Tennisturnier der Welt doch nur noch ein besseres Showevent. Oder etwa nicht?
Angelique Kerber schüttelt den Kopf. „Wimbledon ist für mich Wimbledon, ob mit oder ohne Punkte“, sagt die Siegerin von 2018 im Gespräch mit der FAZ: „Jeder, der irgendwelche Zweifel an Wimbledon in diesem Jahr hat, hat die Bedeutung des Turniers und den Sport an sich nicht so richtig verstanden.“
Zweifel am Stellenwert der 135. Auflage des Rasenklassikers kamen auf, nachdem der All England Club entschieden hatte, alle Russen und Belarussen wegen des Angriffskriegs auf die Ukraine auszuschließen. Es entbrannten Diskussionen um Sinn oder Unsinn der Maßnahme im globalisierten Einzelsport Tennis. ATP und WTA entzogen dem Turnier den Weltranglistenstatus. Die Szene war gespalten. Die befürchteten Absagen einiger Hinterbänkler, die auf Rankingpunkte dringend angewiesen sind, um sich in den Top 100 zu halten, blieben jedoch weitgehend aus. Eine Blessur plagt hingegen Naomi Osaka, die viermalige Grand-Slam-Siegerin aus Japan sagte ihren Start wegen Problemen an der Achillessehne ab.
Welchen Reiz Wimbledon trotz aller Debatten ausübt, zeigt dagegen „der Fall“ Rafael Nadal. Bei den French Open schleppte er sich mit chronischen Fußproblemen zum 22. Majortitel, ließ sich fitspritzen und legt doch keine Pause ein. Für Angelique Kerber verständlich. „In diesen Wochen des Jahres ist jeder noch motivierter als sonst“, sagt sie.
Nach den Triumphen in Melbourne und Paris darf der Spanier noch immer vom Kalender-Grand-Slam träumen, den der Australier Rod Laver 1969 als bislang letzter Spieler erreicht hat. Auch der ewige Andy Murray ist mit 35 Jahren nicht zu müde für seinen Heimauftritt. Im März dieses Jahres hatten der Brite und sein Trainer Ivan Lendl (62) nach viereinhalb Jahren ihre Zusammenarbeit wieder auf und sich viel vorgenommen. „Ich vertraue sehr stark in das, was Ivan sagt“, so Murray. „Wir hatten einige exzellente Ergebnisse in der Vergangenheit und es bedeutet mir sehr viel, dass er immer noch gewillt ist, mir zu helfen und glaubt, dass ich noch großartige Ergebnisse erreichen kann.“
Nicht in seinem Wohnzimmer ist in diesem Sommer Boris Becker. Wenige Begriffe sind seit 37 Jahren so miteinander verwoben wie Becker und Wimbledon: Dreimal als Spieler triumphiert, Novak Djokovic als Coach zum Titel geführt, langjähriger Tennis-Erklärer bei der BBC. Aber diesmal sitzt der 54-Jährige 70 Kilometer westlich in Nuffield seine Haftstrafe wegen Insolvenzvergehen ab und wird von Wegbegleitern am Ort seiner größten Triumphe schmerzlich vermisst. „Boris fehlt natürlich, wenn Wimbledon stattfindet und er nicht dabei ist“, sagt Patrik Kühnen. Sieht auch der dreimalige Wimbledon-Sieger John McEnroe so: . „Boris ist ein Freund von mir, das ist einfach entsetzlich“, sagte der 63-Jährige: „Er hat mir immer gesagt, dass es okay sein wird, dass es unter Kontrolle ist.“
Seinen Sport dürfte er dennoch weiter verfolgen, aber auch kommenden Sommer sicher nicht auf der Anlage. Selbst eine vorzeitige Aussetzung der Haft auf Bewährung nach 15 Monaten käme für einen Besuch von Wimbledon 2023 zu spät. sid, dpa