„Ex-Ultra neuer Präsident von Hertha BSC!“ So lautet die Schlagzeile, und sie soll natürlich eine Botschaft vermitteln. Die eines Umsturzes, der Gefahr. Wird Kay Bernstein mit Pyrofackel in der Hand seine Räumlichkeiten auf der Geschäftsstelle beziehen?
Es gibt ja Präzedenzfälle, dass Menschen an eine Präsidentschaft kommen, die früher leidenschaftlich in der Kurve standen. Das muss nicht gut gehen wie in Mainz mit Johannes Kaluza, der sich nur ein Jahr im Amt hielt und kuriose Geschichten hinterließ. Bei den Vorstandskollegen anderer Vereine stellte er sich eine Spur zu selbstbewusst mit „I’m the new one“ vor (angelehnt an Jose Mourinhos „Special one“), seine Idee, einmal im Monat Fans am Teamtraining teilnehmen zu lassen, war natürlich nicht umsetzbar. Das Modell kann allerdings auch funktionieren wie in Augsburg mit Klaus Hofmann, der kürzlich zwar zurückgetreten ist, aber den Club sehr solide geführt hat und als Investor weiter in einer Einfluss-Position sitzt. Auch er stand früher in der Kurve (wenn auch vor den Anfängen dessen, was man heute Ultra-Kultur nennen würde).
Dass jemand seinem Verein tief verbunden ist, darf nicht als schlechtes Zeichen gewertet werden. Es ist allemal glaubhafter als der Einstieg einer Person von außen. Die Frage, die über den Erfolg entscheiden wird: Kann der emotionale Anhänger auch kühl und geschäftsmäßig agieren? Und dort, wo – wie bei Hertha BSC – der eingetragene Verein nicht mehr alleiniger Herr seiner Geschicke ist, Moderator sein, auch wenn ihn die Gefühle zur Parteinahme verleiten?
Die Aufgabe wird eine anspruchsvolle bis heikle sein für Kay Bernstein. Investor Lars Windhorst, den Hertha nicht loswerden kann, hätte eine andere Lösung präferiert. Seine Unterstützer verlangen von Bernstein, dass er die Seele berührt, also für die Wohligkeit sorgt, die im Streben der vergangenen Jahre verloren gegangen ist. Heute ist Bernstein Kommunikationsberater – und bei der Wahl am Sonntag wies er nach, dass man mit seinen Fähigkeiten Mehrheiten organisieren kann.
Bernstein und Windhorst – keiner kann gegen den anderen regieren. Was allerdings auch für Geldgeber Windhorst bedeutet: Er muss sich mit den Verhältnissen arrangieren, so er seinem Investment Sinn verleihen will.
Guenter.Klein@ovb.net