Kopenhagen – Zugegeben, im Winter war die Hoffnung von Ralph Denk noch ein bisschen größer gewesen. Der Chef des Bora-hansgrohe-Rennstalls hatte sich ausgerechnet, dass die Passagen auf Kopfsteinpflaster den slowenischen Ausnahme-Fahrer Tadej Pogacar ein bisschen menschlicher machen könnten. „Vielleicht ist er da angreifbar“, mutmaßte Denk. Doch dann schrammte Pogacar sogar bei der Flandern-Rundfahrt nur denkbar knapp am Sieg vorbei. Und es war klar: Auf Schwächen sollte man beim 23-Jährigen nicht setzen.
Und so ist es eine fast schon bange Frage: Wer kann dem zweimaligen Champion trotzdem die Stirn bieten auf den, seit langem wohl vielfältigsten 3350 Kilometern bis Paris? Die größte Gefahr dürfte Pogacar – mal wieder – aus dem eigenen Land drohen. Zwar standen hinter Primoz Roglic zwischenzeitlich große Fragezeichen. Acht Wochen lang war vom 32-Jährigen wegen erheblicher Knieschmerzen nichts zu sehen. Doch dann kam die Dauphiné-Rundfahrt und die knifflige Tour-Generalprobe erlebte eine echte Formdemonstration des Routiniers. Und der bringt zur wichtigsten Rundfahrt ein ganz wesentliches Faustpfand mit. Sein Team Jumbo-Visma ist das stärkste im Feld. Dafür steht vor allem auch Jonas Vingegaard. Der junge Däne (25) hatte schon im Vorjahr in den Bergen sogar Gesamtsieger Pogacar mehrfach ins Schwitzen gebracht und unterstrich auch bei der Dauphiné deutlich: Jumbo-Visma geht mit einer einzigartigen Doppelspitze in die Tour. Noch ist Roglic die 1a – doch wenn der Slowene wie nach seinem Sturz im letzten Jahr Schwächen zeigt, dann könnte schnell Vingegaards Stunde schlagen.
Aber wer weiß, vielleicht heißt der Sieger im Duell zwischen Pogacars United-Emirates-Tean und Jumbo-Visma ja auch Bora-hansgrohe. Die Raublinger haben durch den Triumph beim Giro d‘Italia Selbstvertrauen getankt. Und sie haben mit dem Russen Alexander Wlassow ja auch einen vielversprechenden Herausforderer. Wie viel versprechend, das zeigte sich spätestens Anfang Mai bei der extrem schweren Tour de Romandie, die der 26-Jährige für sich entschied. Und Wlassow hätte zweifellos auch die Generalprobe Tour de Suisse für sich entschieden. Doch Corona nahm ihn aus dem Rennen und bescherte Ex-Tour-Champion Geraint Thomas ein nicht erwartetes Erfolgserlebnis.
Doch das ist abgehakt. Mit Nebengeräuschen will sich Wlassow nicht befassen. Das gilt auch für die Frage, warum er anders als Landsleute in anderen Sportarten nicht ausgesperrt ist. Die entsprechenden Fragen lehnte der Rennstall ab. mm