Serena Williams‘ Niederlage

Gut fürs Frauentennis

von Redaktion

THOMAS JENSEN

Vielleicht hat noch nie zuvor ein Erstrundenmatch eines Tennisturniers mehr Aufmerksamkeit bekommen als dieses am Dienstagabend: Mega-Superstar Serena Williams bei ihrem Comeback nach einem Jahr Pause gegen die französische Unbekannte Harmony Tan. Dieses Match in Wimbledon hatte zwei Siegerinnen: Tan und die Tennistour der Frauen.

Wie bitte? Dass die lebende Legende Williams ausscheidet, ist gut für das Frauentennis, das stets um Anerkennung und Aufmerksamkeit neben den Herren kämpfen muss? Ja. Denn die Aufmerksamkeit hatte vor allem ihr gegolten und nicht dem Spiel.

Man stelle sich vor, es würde anders laufen. Eine 40-Jährige kommt nach 364 Tagen, ohne ein Einzel bestritten zu haben, zurück und gewinnt mal eben so. Nicht nur die erste Runde, sondern sogar mehrere Spiele beim wichtigsten Tennisturnier der Welt. Es hätte den Mythos, der die US-Amerikanerin zu Recht umgibt, weiter wachsen lassen. Nur mit dem Nebeneffekt, das die Show, die die übrige weibliche Tenniselite bietet, daneben kleiner wirken würde – entwertet werden würde.

So hat Harmony Tan den sportlichen Stolz ihrer Kolleginnen gerettet. Außerdem hat sie sichergestellt, dass die Aufmerksamkeit uneingeschränkt dem Wimbledon-Turnier der Frauen gelten kann, ohne dass es von der 23-fachen Grand-Slam-Championesse überstrahlt wird. Iga Swiatek hat es so auch leichter, in ihre Rolle als neues Gesicht des Damentennis zu wachsen und das Erbe Williams‘anzutreten. Die Nummer 1 der Welt ist eine Spielerin, der das zuzutrauen ist und dass es ihr gelingt, wäre wichtig für das Damentennis. Denn im besten Fall könnte die Polin diese Rolle noch für Jahre ausfüllen und damit nachhaltig für Aufmerksamkeit sorgen.

Williams hat nicht mehr so viel Zeit als Profisportlerin. Ob es weitergeht, ließ sie offen, einen Start bei den US-Open deutete sie an. Mehr als das Match hat sie am Dienstag nicht verloren, ihr Vermächtnis wird keine Kratzer bekommen. Denn trotz des sportlichen Ausgangs, die Leidenschaft, die sie für Tennis hat, wurde in aller Wucht noch mal sichtbar. Diese Leidenschaft ist sicherlich ein Baustein ihrer märchenhaften Karriere, auf die ja schon Hollywood aufmerksam geworden ist. Nur über diesen Auftritt in Wimbledon wird wohl nie ein Blockbuster gedreht werden. Zum Glück.

thomas.jensen@ovb.net

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