Eine Medaille gewann Stelian Moculescu, heute 72 Jahre alt, in München nicht, dafür seine Freiheit und ein neues Leben. Der Mann, der zu Deutschlands erfolgreichstem Volleyball-Trainer wurde, nutzte die Olympischen Spiele zur Flucht.
Herr Moculescu, Sie waren als Volleyballer mit der rumänischen Nationalmannschaft in München. Wie lange haben Sie an Ihrem Fluchtplan gearbeitet?
Meine Großeltern waren deutschstämmig, sie haben immer wieder Ausreiseanträge gestellt, denn die Situation in Rumänien wurde nicht besser. Doch man ließ sie nicht raus. 1966 bekam München die Olympischen Spiele zugesprochen, ich war damals schon Jugend-Nationalspieler und hatte Hoffnung, dass ich nach München kommen würde. Ich wollte die Ausreise meiner Großeltern von der anderen Seite erzwingen und habe daher den Sport forciert.
Doch Sie fielen auch auf.
1971 zum Vorolympischen Turnier durfte ich nicht nach München reisen, die Securitate (rumänischer Geheimdienst, d. Red) hatte den Verdacht, dass ich mich absetze. Doch im Mai 1972, als Rumänien sich für das Volleyballturnier qualifiziert hat, war ich so gut, dass man sportlich nicht auf mich verzichten konnte.
Waren Mitspieler in Ihren Plan eingeweiht?
Nein, und nicht mal meine Eltern wussten Bescheid. Zwei Leuten habe ich es gesagt: einem Freund, dessen Vater der Chef der Securitate war, der andere war ein älterer Förderer. Es hat auch verlässliche Freundschaften gegeben.
Man stellt sich den Zwiespalt vor: Sie wollten sportlich ja sicher etwas erreichen, andererseits war der Kopf voll mit Gedanken an die Zukunft.
Diesen Konflikt konnte ich relativ leicht auflösen. Ich hatte drüben sechs Semester Hochbau studiert, und hätten wir eine Medaille gewonnen, wäre ich zurückgegangen, hätte zu Ende studiert und mein Vorhaben mit dem Westen später umgesetzt.
Rumänien wurde Fünfter.
Das bedeutete: Strafe. Ein Jahr keine Ausreise. Das geschah tatsächlich. Meine Entscheidung in München fiel also innerhalb von ein, zwei Tagen.
Mitten in das Turnier fiel das Attentat. Fürchteten Sie, Olympia würde sofort zu Ende sein?
Wenn es so gekommen wäre, wäre ich mit der Mannschaft nach Rumänien zurückgekehrt. Aber die Unterbrechung dauerte nur einen Tag, im Olympischen Dorf ging das Leben weiter. Was schlimm war: Dass dieser Anschlag für Gewalt Tür und Tor geöffnet hat. München waren die schönsten, offenherzigsten, freiesten, wärmsten Spiele, die es je gegeben hat. Ich war ja noch zweimal bei Olympischen Spielen, 1988 und 2008, aber daran habe ich viel weniger Erinnerungen als an 1972. In München sind wir zur Eröffnungsfeier durch Massen an Menschen gegangen, 36 Jahre später in Peking als deutscher Bundestrainer dachte ich, ich gehe an russischem Stacheldraht vorbei.
Wie verlief dann in München die Flucht?
Ich bin zu Manfred Kindermann, dem deutschen Bundestrainer, aufs Zimmer und habe gesagt, wenn er mir hilft, spiele ich für seine Clubmannschaft, für den USC Münster. Am 11. September um 7 Uhr sollte ich an der Schleißheimer Straße warten, er würde mich abholen. Wir hatten bis drei, halb vier am Morgen innerhalb unserer Mannschaft gefeiert, denn die Spiele waren ja nun zu Ende. Ich wusste, dass ich ohne Schlaf nicht durchhalten kann und legte mich hin. Ich dachte, wenn ich rechtzeitig aufwache, haue ich ab, wenn nicht, dann nicht. Ich wurde wach und schlich mich durchs Treppenhaus nach draußen. Über die Aufzüge wäre es zu riskant gewesen, es waren Leute von der Securitate im Haus. Ich stand dann an der Straße und wartete – Kindermann kam etwas später als vereinbart. Wir fuhren dann nach Nürnberg, von dort ging es weiter nach Walsrode. Der Bundesgrenzschutz war auf solche Fälle vorbereitet. Heute unvorstellbar: Nach vier Tagen hatte ich politisches Asyl.
Die Deutschen entdeckten 1972 Volleyball. Aber hierzulande war der Sport unterentwickelt. Hatten Sie keine Zweifel, ob Sie davon leben könnten?
Das war mir bekannt, dass das alles reine Amateure sind. Die Hallen waren im Verhältnis zu Rumänien Weltklasse, die Spieler begabt, aber untrainiert. Ich bin aus Rumänien nicht raus, um Volleyball-Karriere zu machen, ich wollte frei leben.
War das so einfach?
Nein. Vom Studium wurde mir hier nur ein Semester angerechnet, als Volleyballspieler habe ich am Anfang 150 Mark gekriegt. Ich habe jede Arbeit angenommen, ich war von 6 bis 23 Uhr beschäftigt. . . Auch Trainer bin ich aus der Not heraus geworden. Erst als ich mit den Junioren von 1860 München Meister wurde, keimte der Wunsch so langsam. Als ich nach Passau ging (1982, d. Red.), fing es richtig an, da dachte ich: Vielleicht schaffe ich es, als Profitrainer vom Volleyball zu leben. Bis dahin hatte es in Deutschland keinen gegeben.
Wie ging es mit der Familie weiter?
Ich wurde in Abwesenheit zu zehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Meine Lebensgefährtin haben wir über Jugos-lawien nach München herausgeschmuggelt, deswegen ging ich dann auch zu 1860. Die Großeltern haben wir 1973 freibekommen, über Kanada. Der Bruder meiner Mutter hatte sich am Ende des Krieges nach Deutschland abgesetzt, war dann nach Kanada emigriert und hatte meine Großeltern eingeladen. 1977 war die Familienzusammenführung abgeschlossen. Meine Mutter durfte über eine Intervention von Hans-Dietrich Genscher (BRD-Außenminister, d. Red.) aus Rumänien ausreisen.
Sie sprachen vermutlich immer schon gut Deutsch.
Ich bin viersprachig aufgewachsen, Deutsch hat die Flucht erleichtert. Italien wäre für einen Volleyballer das attraktivere Ziel gewesen, doch für die Zusammenführung der Familie musste ich in Deutschland bleiben. Und 1977 wollte meine Frau auch nicht mehr aus Deutschland weg. Ich habe hier als Hilfsarbeiter angefangen und am Ende als Bauleiter Tennis- und Golfplätze errichtet – und als Trainer Deutschland zu Olympia geführt. Was ich 1972 in München gemacht habe, habe ich nie bereut. Es hat mein Leben komplett verändert.
Interview: Günter Klein