Kannibalen-Coup vor Kopfstein-Tortur

von Redaktion

TOUR DE FRANCE Van Aert überrascht alle – Fünfte Etappe führt in die Hölle des Nordens

Calais – Jasper Philipsen raste wild jubelnd als Sieger des Massensprints über die Ziellinie. Dann aber erhielt der Möchtegern-Gewinner der vierte Etappe der Tour de France sogleich den zarten Hinweis: Du, da ist schon längst jemand im Ziel. Und dieser jemand hatte im Gelben Trikot eine ganz große Show abgezogen: Belgiens neuer Kannibale Wout van Aert war nach einer schieren Wahnsinns-Attacke am letzten Anstieg im Stile des großen Eddy Merckx zum ersten Etappenerfolg gerast – unbemerkt nicht nur vom völlig konsternierten Landsmann Philipsen.

„Das Trikot verleiht dir Flügel“, sagte der 27 Jahre alte „WvA“, der folgerichtig mit einer neckischen Flattergeste ins Ziel schwebte. Seinen Ruf als bester Allrounder der Radsport-Welt untermauerte er mit dem Coup bei der ersten Etappe der 109. Tour auf französischen Boden eindrucksvoll. „Hier allein wegzufahren, ist mit das schwierigste“, sagte er: „Die Etappe war eigentlich für eine Sprintankunft ausgelegt.“

Doch weil van Aert eben zu schnell sowohl für die Beine als auch offenbar für die Augen der Gegner war, durften Philipsen und Co. eben nur um Platz zwei kämpfen. Dritter wurde van Aerts französischer Teamkollege Christophe Laporte, der Philipsen dann auch genüsslich auf dessen Wahrnehmungs-Fauxpas hinwies.

„Wir sollten nicht über Philipsen lachen, das ist sicher schlimm für ihn“, sagte van Aert. Zumal Philipsen nicht alleine falsch lag. „Ich habe auch nicht geschnallt, dass van Aert alleine vorne weg ist“, sagte der deutsche Topfahrer Max Schachmann in der ARD: „Ich glaube, das ging einigen so.“

In der Gesamtwertung führt van Aert nun mit 25 Sekunden Vorsprung auf seinen Landsmann Yves Lampaert. Die Favoriten um Titelverteidiger Tadej Pogacar (Slowenien) verlebten einen lange einen ruhigen Tag – bis van Aert und Jumbo ernst machten. Zeitverluste kassierte allerdings keiner der Top-Anwärter auf den Tour-Sieg.

Da der neue Kannibale auch heute bei der „Roubaix-Etappe“ auf Kopfsteinpflaster zu den Favoriten gehört, dürfte das Maillot Jaune erst am Freitag bei der ersten Bergankunft auf der Planche des Belles Filles ernsthaft in Gefahr geraten.. „Auf die Pflasterstein-Etappe blicke ich mit großer Vorfreude“, sagt der Deutsche John Degenkolb. Elf Kopfsteinpflaster-Sektoren, die berüchtigten Paves, mit 19,4 km Gesamtlänge warten auf dem fünften Tour-Teilstück nach Arenberg – darunter auch Degenkolbs „Privat-Pave“ beim Weiler Wandignies-Hamage. Weit weniger als beim „Original-Roubaix“ (zuletzt 30 Sektoren über 54,8 km), aber genug, um Spezialisten wie Degenkolb deutlich zu bevorteilen. „Ich weiß, dass das die Etappe ist, die wir am besten kennen“, sagt der Geraer, der nach fünf Jahren zum DSM-Team (einst Giant-Alpecin) zurückgekehrt ist.  sid

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