Beinahe sah es so aus, als wolle sie sich verstecken. Tatjana Maria stand nach ihrem Sieg über Jule Niemeier auf dem Platz zum Interview und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Sie konnte selbst nicht glauben, dass sie gerade in das Halbfinale von Wimbledon eingezogen war, das konnte man ihr ansehen. Allerdings: Während der zwei Stunden zuvor konnte man ihr auch ansehen, dass sie immer an dieses Wunder geglaubt hatte.
Nach diesem Sieg im deutsch-deutschen Viertelfinale ist nun alles möglich. Denn was es auch ist, das der 34-jährigen Bad Salgauerin hilft, vom heiligen Rasen 2022 stets als Siegerin zu gehen – ein Gegenmittel hat bis jetzt noch keine Gegnerin gefunden.
Dieser unerklärliche Effekt sorgt dafür, dass die Nummer 103 der Welt während des Matches eigentlich fast nie wie die überlegene Spielerin aussieht – am Ende aber doch gewinnt. Abgesehen von ihrem charakteristischen und vor allem unorthodoxen Slice, den sie auch auf der Vorhand einsetzt, zieht sich das durch das Turnier. Gegen Maria Sakkari, die Nummer fünf der Welt drehte sie den zweiten Satz nach einem 2:5-Rückstand, gegen die Nummer 17, Jelena Ostapenko, wehrte sie sogar zwei Matchbälle ab und auch gegen Niemeier war sie im entscheidenden Satz 2:4 hinten.
Ob es die Gelassenheit einer zweifachen Mutter ist, die sie zu derartigen Comebacks befähigt? Möglicherweise ist das ein Baustein, aber die vollständige Erklärung dafür, warum eigentlich überlegene Spielerinnen an ihr scheitern, ist das nicht. Sollten ihre nächsten beiden Gegnerinnen ebenfalls nicht hinter dieses Geheimnis kommen, könnte das eintreten, was unglaublich klingt: Der Grand-Slam-Sieg einer Spielerin, die zuvor nie über die dritte Runde hinausgekommen war.
Ein anderes Märchen ist diesem Märchen nun zum Opfer gefallen: das von Wimbledon-Debütantin Jule Niemeier, deren Lauf beendet ist. Unter tosendem Applaus wurde sie vom Publikum verabschiedet, nachdem sie sich zuvor innig mit Maria in den Armen gelegen hatte. Nach dieser Umarmung konnte man sogar für einen Sekundenbruchteil ein Lächeln der 22-Jährigen erahnen. Ob es Freude für Maria oder die Gewissheit war, wiederzukommen? Dass sie noch erfolgreiche Jahre in Wimbledon erleben wird, ist jedenfalls weit weniger unglaublich, als das, was Niemeier am Dienstag selbst erlebte.
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