„Ich beschloss, Sportreporter zu werden“

von Redaktion

Karlheinz Kas erlebte sein Olympia total mit 17 als Eisverkäufer – bei bester Sicht

München 1972, die unvergesslichen Spiele. Wir sprechen in unserer Serie „Mein München 1972“ mit Menschen, die Olympia vor 50 Jahren hautnah miterlebt haben und beteiligt waren. Wir erfahren, wie diese Tage Lebensläufe bestimmt haben- Wie bei Karlheinz Kas (67), langjährigem Sportreporter des Bayerischen Rundfunks. Er kam 1972 als 17-Jähriger ganz nahe ran an die großen Stars. Und beschloss: Das soll immer so sein.

Karlheinz Kas, Sie hatten 1972 einen Olympia-Job: Eisverkäufer. Wie kam’s dazu?

Ich stamme aus einfachen Verhältnissen, habe in den Schulferien immer gearbeitet, meist als Beifahrer für die Marox-Fleisch- und Wurstwarenauslieferung in Rosenheim und immer um die 1000 Mark gemacht. Für München 1972 hatte die Firma „EfA Eiskrem“ die Olymia-Lizenz, der Gebietsvertreter von EfA wohnte im Nebeneingang, ich habe meine Mutti gebeten, ob sie ihn fragen kann: Brauchen die jemanden? Ich kam auf die Liste, und es gab ein Treffen von 100, 200 Leuten.

Aber wer bekam die besten Plätze?

Bei der ersten Einteilung an den Eisdepots wurde abgefragt, wer welche Fremdsprachen kann. Ich meldete mich bei allen sechs, obwohl ich nur eine konnte. Aber ich dachte mir: So kommst du zu den VIPs. Für die wurde ich eingeteilt. Da traf ich dann Sepp Herberger, Schwedens Thronfolger Carl Gustaf, der unsere Silvia geschnappt hat. Joachim Fuchsberger habe ich zwei Eis für insgesamt 2,50 Mark verkauft, er hat mir fünf Mark gegeben, was für ein freundlicher Mann – doch ansonsten: Nullkommanull Umsatz, denn die VIPs bekamen alles umsonst.

Was haben Sie getan?

Ich bin runter in den Graben. Der geht im Olympiastadion ringsrum. Da war niemand. Ich habe aus dem Graben von unten nach oben verkauft und eine Riesenkohle gemacht. Wir bekamen zehn Prozent, durften außerdem vorher und nachher auf dem Platz vor dem Stadion verkaufen. Und es waren lauter schöne Tage, die Leute haben gelutscht ohne Ende. Die Konkurrenz von uns Eisverkäufern waren die Coca-Cola-Verkäufer. Ausgezahlt wurden wir am Schluss, ich habe 2000 Mark netto gemacht, war einer der Umsatzstärksten. Es gab natürlich auch Kämpfe unter uns Eisverkäufern. Ich bin vom Graben aus in Buchstabensektoren eingedrungen, die das Revier von anderen waren. Da wurde man also schon auch vertrieben.

Ums Geld alleine, nehmen wir an, wird’s Ihnen aber nicht gegangen sein.

Sport war mein Leben. Ich wollte Fußballprofi werden, mein Idol war von der WM 1966 Helmut Haller, meine Mutter hat mir ein Trikot mit seiner Nummer genäht. Ich spielte Fußball in der Sonderjugend in Rosenheim, wir traten gegen die Bayern und Sechzig an. Ich hatte 1972 keine Mädchen im Kopf und war von einer festen Freundin ganz weit weg.

Also gut zwei Wochen Olympia total.

Im Stadion ging es um 14 Uhr los, doch ich kam mit dem Zug – es waren ja Schulferien – schon um 10 Uhr. Da bin ich in die Schwimmhalle, habe die Vorläufe und das Turm- und Kunstspringen angeschaut, wovon ich ein richtiger Fan geworden bin. Oder ich ging ins Radstadion.

Sie kamen überall rein?

Ich hatte ja eine Akkreditierung, und wenn ein Ordner mich fragte, was ich da drin wolle, habe ich gesagt: Ich muss da Eis verkaufen.

Aber Highlight waren das Olympiastadion und Ihre persönliche Loge, der Graben neben der Bahn.

An Walery Borsow, den Sowjetstar, der die 100 und 200 Meter gewonnen hat, kam ich bis auf eineinhalb Meter ran. So nah, ich hätte den Trainingsanzug aus seinem Korb klauen können. Meine Freunde daheim haben schon gesagt, dass das cool wäre, einen sowjetischen Trainingsanzug zu stibitzen – aber es wäre wohl aufgefallen, dass das der Eisverkäufer aus dem Graben war. Von Borsow gibt es in einer Fernsehdokumentation eine Aufnahme, auf der ich direkt hinter ihm bin. Niemand hat mich von meinem Platz und aus dem Graben vertrieben.

Was haben Sie noch gesehen?

Alles. Wenn irgendein Vorlauf war, habe ich das Eisverkaufen sofort eingestellt und geschaut. Als Ulrike Meyfarth Gold im Hochsprung gewann, war ich drei Meter neben ihr. Und bei Klaus Wolfermanns Speerwurf-Sieg ebenfalls in der Kurve. Da habe ich den Eisladen weggestellt, als er drankam.

Kurz danach kam das Attentat auf die israelische Mannschaft.

Dieser Tag und der danach waren die schlimmsten. Als IOC-Präsident Avery Brundage sagte „The Games Must Go On“, haben wir alle gejubelt. Weil die Begegnungen mit den Menschen weitergingen. Wen ich da alles getroffen habe – am Ende hatte ich hundert Anstecknadeln aus der ganzen Welt.

Olympia in München hat Ihren weiteren Lebensweg beeinflusst?

Und ob! Ich beschloss, Sportjournalist zu werden. Ich wollte dabei sein. Ich habe mit 17 vielleicht schon gespürt, dass es zum Fußballprofi nicht reichen würde. Ich habe zwar Bayernliga gespielt, aber war oft verletzt und ein bisschen wehleidig. Die Alternative wäre gewesen: Zuschauer. Aber das ist blöd, da bezahlst du ja bloß. Also beschloss ich, Sportreporter zu werden.

Gab es 1972 einen , an dem Sie sich orientiert hätten?

Die Journalisten habe ich damals gar nicht wahrgenommen.

Wie fanden Sie dann in den Beruf?

Meiner Mutti zuliebe habe ich zwei Semester Wirtschaftsingenieur studiert, ehe ich 1975 ein Volontariat beim Trostberger Tagblatt bekommen habe. Später kamen die Einsätze für den Bayerischen Rundfunk an den Samstagen dazu.

Haben Sie sich den Traum einer Olympia-Teilnahme als Sportreporter erfüllen können?

Das tatsächlich leider nie, München als Eisverkäufer waren meine einzigen Olympischen Spiele.

Das ist ja schon ein wenig tragikomisch.

Ich war beim Rundfunk Freier, über Olympia berichtet habe ich für die Zeitung von daheim aus. Was ich aber gemacht habe und ja auch im Zusammenhang mit Olympia gestanden ist: Moderation von Empfängen von Medaillengewinnern etwa bei der Bundespolizeisportschule in Endorf: Barbara Niedernhuber, Natalie Geisenberger, Arnd Peiffer. Ich war 18 Jahre die Stimme der Weltcup-Skirennen auf der Kandahar und bin Stadionsprecher beim Biathlon in Ruhpolding. Und ich habe die Olympia-Bewerbungen journalistisch begleitet.

Mit denen es nie geklappt hat. Weder für Berchtesgaden noch für München…

… und auch nicht für Salzburg, das nicht weit ist. Die Bob- und Rodelbahn am Königssee war bei der Salzburger Bewerbung für 2014 dabei.

Enttäuscht?

Ja, tut mir in der Seele weh, denn es wäre alles da gewesen für Rodeln, für Biathlon in Ruhpolding, eine schöne Eisschnelllauf-Halle in Inzell. Nachhaltigkeit hätten wir gehabt. Die Bewerbung ist leider nicht durchgegangen. Nicht weil sie schlecht gewesen wäre, sondern weil die Gegner mobilgemacht haben.

Aber München ’72 bleibt.

Auf alle Fälle. Alles gesehen, inklusive Eröffnungs- und Schlussfeier, und eine Menge Kohle gemacht.

Interview: Günter Klein

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