Frauenfußball im Fokus

Nachhaltig – oder nur ein Event?

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Es sind die Zahlen, die beeindrucken: Über 91 000 neulich in Barcelona, 74 000 nun in Manchester. So viele Menschen kommen inzwischen in die Stadien, um zu sehen, wie Frauen Fußball spielen. Es sind auch die Namen, die einen nicht kaltlassen können: FC Barcelona, Real Madrid, FC Chelsea, Paris Saint-Germain – die namhaftesten Clubs haben Abteilungen für Frauenfußball gegründet und bieten ein professionelles Umfeld. Die derzeitige Boom-Sportart ist keine Neukreation, sondern ein vertrautes Spiel – das derzeit nur anders und frisch vermarktet wird. Dass diese Woche in England die Fußball-Europameisterschaft der Frauen begonnen hat, dürfte keinem halbwegs informierten Menschen entgangen sein. In den Zeitungen und auf den Internet-Plattformen war deutlich mehr von Martina Voss-Tecklenburg zu lesen als von ihrem Bundestrainer-Kollegen Hansi Flick.

Trotz der starken medialen Präsenz der DFB-Frauen, die sich in Herzogenaurach unter gleich guten Bedingungen wie die Männer (diese auf die Nations League) vorbereiten konnten: Man hört dieser Tage, dass der deutsche Frauenfußball den Anschluss an die internationalen Entwicklungen verschlafen habe. Und in der Tat lässt der Zuschauerschnitt in der Bundesliga (zwischen 274 in Jena und 1580 in Frankfurt) nichts erahnen von den Dimensionen, die in anderen Ländern üblich geworden sind. Länderspiele – auch das ist die Realität – werden am Nachmittag versendet oder lediglich gestreamt. Die Zahl der Spielerinnen ist rückläufig. Die Trostlosigkeit der Gegenwart legt den Schluss nahe, dass aus Zeiten, in denen die DFB-Frauen ein Titel-Abo hatten (EM, WM, Olympia) und sie frech behaupten konnten „Dritte Plätze sind für Männer“, nichts von Nachhaltigkeit entstanden ist. Und die jetzt gehypte EM in England birgt ja auch ihre Risiken: Die Deutschen sind in eine Gruppe hineingeraten (Dänemark, Spanien, Finnland), in der sie scheitern können. Das würde den Abwärtstrend verstärken.

Fraglich freilich, wie stabil die Entwicklung des Frauenfußballs generell ist. Partien wie in Barcelona und derzeit bei der EM profitieren vom Event-Charakter, vom Ausgehungertsein der Leute nach zwei Corona-Jahren und von Kampf-Eintrittspreisen. Die Frauen-Sparte lebt mehr von der Subventionierung als der eigenen Ertragsstärke. Zur Wirklichkeit gehört schon auch, was wir in Deutschland erleben: Für viele, die Sport konsumieren, ist das Spiel der Frauen im Überangebot vielleicht das eine Stück Fußball zu viel.

Guenter.Klein@ovb.net

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