Das Kind der Münchner – bis Ulrike kam

von Redaktion

Ilona Gusenbauer über den Wettbewerb mit Meyfarth an der Zeitenwende des Hochsprungs

Olympia 1972 und der Hochsprung der Frauen – man denkt an Ulrike Meyfarth, die 16-Jährige aus Köln, die zur deutschen Figur der Spiele wurde. Doch der Wettbewerb war nicht nur ihre Geschichte, sondern auch die der Ilona Gusenbauer aus Wien. Weltrekordlerin, Favoritin und Goldhoffnung Österreichs. Sie gewann Bronze. Ein Gespräch mit der heute 74-Jährigen.

Gold für Ulrike Meyfarth – das erschien wie eine Geschichte aus dem Nichts. War das auch die Sichtweise von Insiderinnen und Konkurrentinnen? Meyfarth sprang den neuen Stil, den Fosbury-Flop, rücklings über die Latte.

Für uns alte Straddler waren die Flopper völlig unberechenbar. Wir hatten die langen Dünnen immer als unsere Wasserträger angesehen, weil es bei uns über Dynamik und Kraft ging. Doch diejenigen, die umgestiegen sind auf den Flop, die sind uns auf einmal weggesprungen. Man konnte manche gar nicht mehr einschätzen.

Es war die Zeitenwende im Hochsprung. Die neue Technik wurde durch den Amerikaner Dick Fosbury 1968 schlagartig bekannt. Haben Sie den Umstieg erwogen oder mal ausprobiert?

Ich war bis zu meinem 16. Lebensjahr Turnerin und habe mich dann in den Hochsprung verliebt. Der Straddle war für mich eine sensationelle Technik, wir mussten ganz tief gehen. Der Russe Valeri Brumel war mein Vorbild. Als Turnerin waren für mich aber Salto vorwärts und rückwärts oder ein Flicflac was ganz Normales und Natürliches, deswegen habe ich auch den Flop sofort gekonnt. Bei einem Wettkampf habe ich ihn getestet. Über 1,84 Meter bin ich drüber, bei 1,86 Meter habe ich zweimal gerissen und bin im dritten Versuch zum Straddle zurückgekehrt. Ich habe damals vorausgesagt, dass eine Frau mit Straddle 2,00 Meter springen kann – das hat dann Rosemarie Ackermann aus der DDR geschafft (1977, d. Red.) – und 2,10 Meter mit dem Flop.

Sie gingen als Weltrekordlerin mit 1,92 Meter in die Olympischen Spiele 1972.

Aber es war ein schwieriges Jahr für mich persönlich. Wo ich trainiert habe, wurde alles umgebaut, ich hatte keine Möglichkeit, Krafttraining zu machen, konnte statt im November erst im April mit der Vorbereitung anfangen und wusste nicht so recht, wo ich stehe.

Der Wettbewerb in München strahlte eine ungeheure Energie aus. Vor jedem Sprung war es mucksmäuschenstill im Olympiastadion. Als würden sich alle auf die Latte konzentrieren. Haben Sie das noch einmal so erlebt?

Für mich selber war die Europameisterschaft 1971 in Helsinki solch ein Wettkampf, da hätte neben mir alles passieren können, ich war einfach super beinand. Und 1971 bei meinem Weltrekord in Wien, da auch. Aber der 4. September 1972 in München war von der Früh weg ein schlechter Tag. Ich bin mit schwitzigen Händen aufgewacht, und als ich im Stadion stand, habe ich unten gehört, wie oben einer gesagt hat: „Franzl, bringst mir ein paar Würstl mit.“

Sie kamen also nicht so richtig in den Tunnel, in dem man alles ausblendet. Lag das auch am Druck? Österreich hat selten eine Medaillenhoffnung in der Leichtathletik. Sie waren eine.

Der Druck war schlimm, und ich habe das gar nicht so gern gehabt. Am Morgen im Olympischen Dorf kam mir unser damaliger Verbandspräsident entgegen und sagte: „Der Bruno Kreisky (österreichischer Bundeskanzler, d. Red.) ist extra für dich gekommen.“ Das haut einen natürlich aus den Schuhen.

Sie wurden in Deutschland geboren.

In Gummersbach. Mein Onkel war ein großer Handballer dort, meine Mutti war Deutsche, mein Vater Wiener, der im Krieg in der Gegend gelandet war. Schon zu meiner Schulzeit haben wir in Wien gelebt. Ich war ’72 auch das Kind der Münchner – aber es hat sich dann alles zur Ulrike hingewälzt.

Meyfarth sprang 1,92 Meter, als sie als Einzige noch im Wettbewerb war.

Ich bin zu ihr hin und habe gratuliert, gesagt: „Jetzt hast du meinen Weltrekord eingestellt.“ Und Ulrike daraufhin: „Och, das wusste ich gar nicht.“

Für Sie blieb Bronze. Zufrieden?

Ich war total glücklich unter all den Umständen. Es war ja auch – und ich habe das noch nie erzählt – die Sache mit den Kampfrichtern. Kurz zuvor war die Regel eingeführt worden, dass, wenn die Latte überquert oder gerissen war, für die nächste Springerin die Uhr auf zwei Minuten eingestellt wurde. Ich glaube, Ulrike wusste das gar nicht, sie hat sich unendlich Zeit lassen dürfen. Ich habe mich zwei-, dreimal wieder anziehen müssen, weil es schon kühl geworden war am Abend, und bin zum Kampfrichter hin. Der hat gesagt: „Ah geh, Madl!“ An einem Tag, an dem ich nicht die Superform hatte, hat’s mich halt gestört- Aber Ulrikes Flug war unfassbar, und dass sie zwölf Jahre später nochmals Olympiasiegerin wurde, ebenfalls.

Was auch bemerkenswert ist an Ihnen: Sie waren eine der ersten Athletinnen, die Mutter wurde und danach wieder an den Start gingen. Wie haben Sie das gewuppt?

Ich war zu der Zeit von Beruf Hausfrau und Mutter und hatte das Glück, dass es in der Südstadt in Wien ein Sportzentrum gab, in dem ich jede Möglichkeit zum Training hatte. Auch für mein Schatzeli war es dort super, die Weitsprunggrube war das Zuhause meiner Tochter.

Ulrike Meyfarth wurde am Morgen nach ihrem Traum-Abend von der Realität des Lebens eingeholt – dem Attentat auf die israelische Mannschaft. Ihnen ging es ja genauso.

Ich habe dazu immer geschwiegen und kann kaum darüber sprechen. Das kann man nicht verarbeiten. Ich bin nach Hause gefahren und erst zur Schlussfeier wiedergekommen. Die Verantwortung wurde uns allen vom IOC-Präsidenten Brundage abgenommen mit seiner Aussage „The Games must go on“. Auf der Trauerfeier stand neben mir Yordanka Blagojeva aus Bulgarien, die Silber im Hochsprung gewonnen hatte. Sie fragte mich, was eigentlich los sei. Im Frauendorf – das waren die kleinen Bungalows – hatten wir keine Fernseher. Jedenfalls: Danach war es nicht mehr so wie zuvor, und man hatte fast ein schlechtes Gewissen, dass man eine Medaille hat, gegenüber denen, die nach dem Attentat drangekommen sind und sich nicht mehr so freuen konnten.

Nachdem Sie mit Hochsprung aufgehört hatten, wurden Sie im Basketball noch sechs Mal österreichische Meisterin. Spielten Sie auch in der Nationalmannschaft?

Von der war ich weit weg. Ich habe Basketball schon neben der Leichtathletik gespielt, weil es ein Mannschaftssport ist und super für die Seele. Und zum Sprungball ohne Vorbereitung zack in die Höhe – das hat sicher einen Zentimeter zu meinen Höhen beigetragen.

Interview: Günter Klein

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