Über die Eigenheiten dieser ersten Tour-Woche ist im Vorfeld ja viel geredet worden. Über Windkanten, (zu) kleine Straßen und natürlich das gefürchtete Kopfsteinpflaster, das sonst den Spezialisten bei Paris – Roubaix vorbehalten bleibt. Der Tenor: Spektakel um des Spektakels willen – diese Tour ist ein Ausleseverfahren.
Natürlich ist die Kritik nicht ganz von der Hand zu weisen, wie die letzten Tage zeigten. Ob es nun bei der Überquerung des Öresunds war oder in der „Hölle des Nordens“: Die ersten Etappen der großen Schleife waren begleitet von Dramen, zerplatzten Hoffnungen und Stürzen. Schuld war freilich nicht nur die Strecke. Der Schweizer Daniel Oss kollidierte bei seinem fürchterlichen Sturz mit einem Zuschauer.
Aber das ist letztlich nicht das Entscheidende. Immerhin ist die Tour de France die unbestrittene Krone der Sportart. Sie entscheidet, wer sich als der kompletteste und beste Fahrer der Szene bezeichnen darf. Und wer das sein will, der muss auch Prüfungen wie in Dänemark oder in Nordfrankreich bestehen – und sei es mithilfe der Mannschaften, deren Selbstzweck auch ist, den Spitzenmann durch riskantes Terrain zu bugsieren und zu schützen.
Tadej Pogacar hat das mit seinem United Emirates Team meisterhaft demonstriert. Dass der Slowene auf dem sechsten Teilstück schon wieder Gelb übernahm, ist kein Glück. Es ist die Leistung eines zweimaligen Champions mit einem meisterlichen Team im Rücken. Ob er nun tatsächlich so unaufhaltsam dem dritten Coup entgegenfährt, bleibt abzuwarten – der Däne Jonas Vingegaard oder auch der britische Altmeister Geraint Thomas werden Einwände haben. Man kann, so sagt eine alte Weisheit, die Tour nicht in ihrer ersten Woche gewinnen. Aber man kann sie dort verlieren. Schönen Gruß an Pogacars Landsmann Primoz Roglic, der wieder viel wagte und schon so ziemlich alles verlor. Woran die Streckenführung übrigens wenig Anteil hatte – ein von einem Begleitfahrzeug verschobener Strohballen brachte ihn zu Fall.
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