„Der Ausschluss ist legitim“

von Redaktion

Weitsprung-Ass Mihambo über die WM, den Krieg und russische Athleten

Malaika Mihambo (28) ist Olympiasiegerin, Weltmeisterin und Europameisterin im Weitsprung. Bei der WM von diesem Freitag an bis zum 24. Juli in Eugene/USA will sie ihren Titel verteidigen. Im Interview spricht die dreimalige „Sportlerin des Jahres“ über ihre Ziele, den Krieg in der Ukraine und Carl Lewis..

Wann wäre das Jahr 2022 für Sie ein Erfolg?

Wenn ich am Jahresende sagen könnte, ich habe sehr gute Wettkämpfe gemacht, mein Bestes gegeben und das zeigen können, was in mir steckt. Auf der anderen Seite geht es mir immer auch darum, an meinem eigenen Glück zu arbeiten und mich als Mensch weiterzuentwickeln und zu wachsen. Das ist mir wichtiger als jeder sportliche Erfolg.

Welche Fortschritte haben Sie seit Ihrem Olympiasieg gemacht?

Zum einen technische Fortschritte, nachdem ich vor allem 2021 Probleme mit meinem Anlauf hatte. Jetzt habe ich das Gefühl, dass wir das über den Winter sehr gut geschafft haben. Wir haben intensiv am Sprint und an der Sprinttechnik gearbeitet. Die Geschwindigkeiten sind wieder sehr hoch – ähnlich wie 2019, als ich Weltmeisterin wurde. Und auch persönlich habe ich mich weiterentwickelt.

Welche Fortschritte würden Sie sich aktuell in der Gesellschaft wünschen?

Unser System, wie wir gerade zusammen leben, zeigt uns, dass es an vielen Stellen nicht funktioniert. Bei einem Thema wie etwa der Nachhaltigkeit liegt es zwar am Konsumenten, weniger zu verbrauchen oder das Richtige zu kaufen. Aber letztendlich sollte die Politik den Rahmen schaffen, dass sich der Konsument nur zwischen nachhaltig und nachhaltig entscheiden kann. Ein anderes Thema ist das Miteinander. Die Spaltung ist durch Corona nochmal deutlicher geworden, neue Medien beschleunigen diese Prozesse. Der Umgangston wird rauer. Jetzt wäre es die Aufgabe, neue Alternativen zu suchen. Als Sportler kann man solch grundsätzliche Punkte nicht lösen, aber man kann darauf hinweisen.

Sie haben zum Saisonstart davon gesprochen, wie sehr Sie der Krieg in der Ukraine belastet. Wie verhält sich das aktuell?

Das hat mich sehr mitgenommen und belastet – und es nimmt mich auch heute noch mit. Krieg gehört leider zur Tagesordnung in unserer Welt, auch wenn das in Europa wegen der Entfernung oft anders wahrgenommen wurde. Das hat sich durch den Krieg in der Ukraine geändert.

Wie ist der Kontakt zu Ihrer ukrainischen Weitsprungkollegin Maryna Bech-Romantschuk?

Sie ist die einzige ukrainische Leichtathletin, mit der ich näher zu tun habe. Wir absolvieren dieselben Wettkämpfe und kennen uns, seitdem wir bei internationalen Jugend-Wettkämpfen gegeneinander angetreten sind. Ich habe mich zu Beginn dieses Angriffskrieges durch Russland bei ihr erkundigt, wie es ihr und ihrer Familie geht, ob ich was für sie tun kann. Bei den Wettkämpfen haben wir auch über ihr Leben in Zeiten des Krieges gesprochen. Ich bin mit ihr über das Sportliche hinaus auch in dieser Zeit verbunden.

Sportler aus Russland dürfen bei der WM und EM nicht starten. Richtig oder falsch?

Auf persönlicher Ebene ist das sehr bedauerlich. Ein Sportlerleben ist kurz und jeder Sportler möchte die Zeit bestmöglich nutzen. Das ist tragisch für den Einzelnen. Zumal für die, die mit dem politischen System Russlands wenig Kontakt haben. Aber hier überwiegt das große Ganze. Natürlich ist der Sport auch eine Bühne, die innenpolitisch instrumentalisiert werden kann, und ich finde es richtig, diese Bühne für Russland deutlich zu minimieren. Dass der Sport daher russische Athleten ausschließt, finde ich legitim.

Kommen wir zurück zu Ihnen. Sie haben alles gewonnen in ihrer Sportart. Wie sieht Ihr weiterer sportlicher Weg aus?

Das frage ich mich auch oft. Ich mache so lange weiter, wie der Körper mitmacht und die Lust und das Leistungsvermögen es zulassen. Mich treibt die Neugier an zu schauen, wo ich noch hinkommen kann. Wie weit kann ich noch springen?

Wie hat sich Ihre mentale Stärke seit dem Olympiasieg verändert?

Gerade auf dem Weg zum Olympiasieg habe ich viel lernen dürfen. 2019, im Jahr meines WM-Titels, war es ganz leicht. Man hat einfach jeden Wettkampf mit mindestens 20 Zentimetern Vorsprung gewonnen. Es ist nicht schwer, an sich zu glauben, wenn alles gut läuft und einfach ist. Dann musste ich – oder besser durfte – 2021 lernen, wie schwer es ist, an sich zu glauben, wenn es nicht so läuft und man bei fast jedem Wettkampf denkt, man sei unter Wert aus dem Wettkampf gegangen.

Ihre Bestweite beträgt 7,30 Meter. Wie weit kann das in Ihrer Karriere noch gehen? Denken Sie hin und wieder auch an den deutschen Rekord von Heike Drechsler (7,48)?

7,30 Meter waren sehr gut, auch im Kontext der vergangenen zwei Jahrzehnte. Aber es ist noch eine Welt zu den Rekorden. 20 Zentimeter sind sehr viel im Weitsprung. Mein Ziel ist es, mich erstmal in den höheren 7-Meter-Weiten zu etablieren.

Das Projekt, sich einen neuen Input durch Training bei Leichtathletik-Legende Carl Lewis in den USA zu holen, steht erst mal hinten an?

So ist es. Das wäre nur denkbar für einen längeren Saisonaufbau. Die Zeit von ein, zwei Monaten hat man nur im Herbst – und da war im vergangenen Jahr die Corona-Lage noch zu unsicher. Jetzt konzentriere ich mich auf die Saison, aber man kann schauen, ob es in diesem Herbst passt.  dpa

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