Seit 1960 gehört es zum Beiprogramm Olympischer Spiele: das Olympische Jugendlager. Was man da erlebt? Wir haben bei einem nachgefragt, der 1972 in München dabei war – und fünf Jahrzehnte später ein hoher Sportfunktionär geworden ist: Dr. Peter Merten. Damals Hammerwerfer und Mehrkämpfer bei Salamander Kornwestheim, heute Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB).
Herr Dr. Merten, als Sie sich kürzlich als DEB-Präsident bewarben, stand in Ihrer Rede an erster Stelle, dass Sie Teilnehmer des Olympischen Jugendlagers 1972 waren. Das erwähnten Sie vor allen beruflichen Referenzen bei Daimler, Dornier, Rheinmetall.
Das ist bis heute ein Highlight in meinem Leben. Wir waren 1500 Jugendliche aus 56 Nationen. Wir haben zusammen gelebt, gegessen, die Spiele besucht und abends getanzt und gefeiert. Es war ein Fest der Freude und der Völkerverständigung. Dass man sich auf Englisch, Deutsch, Französisch unterhalten, Gemeinsames erlebt hat, das war ein Traum und hat mein Weltbild von der grenzenlosen Freiheit geprägt.
Wie haben Sie sich für das Jugendlager qualifiziert?
Es gab Ausscheidungen auf Kreis-, Landes- und Bundesebene. Auf Kreisebene war es ein Leichtathletik-Mehrkampf plus die Beantwortung allgemeinbildender Fragen wie „Wie heißt der Bundespräsident?“, „Wer hat die Mona Lisa gemalt?“. Auf Landesebene musste man sechs sportliche Disziplinen absolvieren, je zweimal Turnen, Schwimmen, Leichtathletik plus vier Aufsätze schreiben über aktuelle Themen wie „Wir geben Milliarden für die Raumfahrt aus – und in Afrika verhungern die Menschen“. Für jeden Aufsatz hatte man eine Stunde.
Sie kamen also weiter.
500 Kandidaten qualifizierten sich für den Endausscheid in Berlin, das war für mich schon das Ziel gewesen. Es wurde eine sehr intensive Woche. Wir haben in den Katakomben des Olympiastadions den Olympiafilm von 1936 gesehen, wir sind zu Heinz Erhardt ins Theater gegangen. Und es gab die nächsten sportlichen Bewährungsproben in Turnen, Schwimmen, Leichtathletik und einer Wahldisziplin. Zusätzlich war eine künstlerische Leistung – Tanzen, Singen oder Malen – gefordert. Ich habe über eine Großstadtsilhouette einen Linoleumdruck gelegt, der die Umweltverschmutzung symbolisierte.
Und so waren Sie für Olympia qualifiziert.
150 von den 500 wurden ausgewählt und bildeten die deutsche Delegation, ich war dabei. Unser Jugendlager war übrigens das offizielle der Deutschen Sport-Jugend, wir bekamen einen Anzug, Sportzeug. Wir Deutsche waren insgesamt vier Wochen in München, haben die anreisenden Delegationen begrüßt.
Wo war man da untergebracht?
Zwischen dem Botanischen Garten und dem Post-SG-Gelände. Da waren Fertigbau-Bungalows aufgestellt, wir teilten uns das Haus mit den Amerikanern. Es gab gemeinsame Aufenthaltsflächen und zwei Bierzelte, in denen wir meistens abends waren. Da gab es Tanz, Folklore, Vorstellungen des russischen Jugendnationalballetts. Alles war bunt gemischt. Mit den Kollegen aus der DDR war es schwierig, solange noch ein Offizier dabei war. War er weg, hatten wir auch Spaß.
Was waren die Aufgaben, die man im Jugendlager zu erfüllen hatte?
Die Russen wollten im Jugendlager Wettkämpfe machen, der Rest aber sagte: Wir wollen keine Jugendolympiade. Im Schnitt hatten wir zehn Eintrittskarten für die Olympia-Wettbewerbe, es wurde viel untereinander getauscht, je nach Vorlieben für Sportarten. Fast täglich war man bei einer Veranstaltung, manchmal bei zwei, denn für Ringen, Gewichtheben, Boxen gab es immer noch was. Und mit unseren orangen Anzügen hat man uns oft in den Athletenbereich gelassen, wenn es nicht voll war. Sogar ins Olympische Dorf kamen wir, sind dort essen gegangen. Dazu gab es ein Ausflugsprogramm: Mit den Japanern sind wir zum Gäubodenfest nach Straubing – auf dem Rückweg mussten wir ein paar Mal anhalten. Wir haben kaum geschlafen, nach zehn Tagen war ich total fertig und habe mir einen Tag im Alpamare in Bad Tölz gegönnt.
Viele, die 1972 jugendliche Männer waren, haben für weibliche Olympiastars in ihrem Alter geschwärmt – die australische Wunderschwimmerin Shane Gould, 15, Hochsprung-Siegerin Ulrike Meyfarth, 16, die kleine Sowjetturnerin Olga Korbut, 17. Wer war Ihre Favoritin?
Die Turnerinnen waren eine Augenweide, nicht nur eine. Im Schwimmstadion saß man leider ein Stück weg, emotional war Ulrike Meyfarths Hochsprungsieg für mich am stärksten. Sie war 16, man selbst 18.
Sie konnten einige Sternstunden aus bester Perspektive miterleben. Hat Sie sonst noch etwas begeistert – abseits des reinen Wettkampfgeschehens?
Ein Erlebnis für mich als Hammerwerfer und Mitglied des deutschen Juniorenkaders und der Fördergruppe Süd war das Abschlusstraining von Karl-Hans Riehm im Post-SG-Stadion – schade, dass er die Qualifikation für den Endkampf nicht schaffte.
Wie weit konnten Sie eigentlich den Hammer schleudern?
52,68 Meter in der B-Jugend, später ging es Richtung 55 Meter. Bei den Junioren war ich dreimal Baden-Württemberg-Meister und unter den Top Ten in Deutschland. Ich habe als vielleicht der Erste mit vier Drehungen geworfen, ich hatte nämlich eine kleine Schuhgröße. Mit Technik plus Schnelligkeit konnte ich bei den Junioren noch mithalten. Ich war jedenfalls so weit, dass ich Appetit hatte, mehr zu machen.
Sie nahmen sich im Jugendlager 1972 vor, vier Jahre später als Teilnehmer im Wurfring zu stehen?
Ich habe das Training intensiviert und wollte eine Chance auf Montreal 1976 haben. Zusammen mit Stabhochspringer Günther Lohre habe ich viel Krafttraining gemacht. Günther hat es dann nach Montreal geschafft, ist dort Sechster geworden. Bei mir war es so: Ich habe irgendwann dreimal die Woche 20 Tonnen bewegt, mit Trainer, mit Gürtel, aber die Muskulatur hat es nicht mitgemacht. Der Arzt warnte vor massiven Schäden, ich habe also aufgehört und ein Jahr lang abtrainiert. Ich bin acht Jahre noch bei Deutschen Hochschulmeisterschaften ohne großes Training gestartet und konnte mithalten. Probleme habe ich keine bekommen.
Noch mal zurück zu 1972. Das Attentat auf die israelische Mannschaft hat sich sicher auch aufs Jugendlager ausgewirkt.
Die Leichtigkeit und Ungezwungenheit war mit einem Schlag weg. Wir hatten im Jugendlager heftige Diskussionen, vor allem wir Deutsche mit den Israelis. Der Vorwurf an uns lautete: „Bei euch sieht man überall die Polizei, aber ihr tut nichts. Bei uns sieht man keine Polizei, aber es passiert nichts.“ Es war schwierig, wir haben versucht, sie zu trösten, sie sind dann abgereist. Zur Gedenkfeier durften wir mit den Aktiven ins Olympiastadion einmarschieren, das war ergreifend. Ein tolles, aber schwieriges Erlebnis. Es ging zwar weiter mit den Spielen, aber still und leise. Am nächsten Tag beim Ringen herrschte eine ganz komische Atmosphäre. Doch es kamen noch mitreißende Wettbewerbe wie die 4×100-Meter-Staffel der Frauen und der Preis der Nationen im Springreiten im Olympiastadion. Ich habe in diesen vier Wochen mehr erlebt als andere in vier Jahren.
Ihre Olympia-Begeisterung könnten Sie noch einmal ausleben.
Ja, und das spielte eine Rolle bei meiner Bewerbung beim DEB. In dem Amt, das mir im Eishockey nun anvertraut wurde, hoffe ich, dass unsere Männer und Frauen sich 2026 für Mailand und Cortina qualifizieren. Der olympische Bogen würde sich für mich vielleicht doch noch schließen.
Interview: Günter Klein