Seit 50 Jahren der Kümmerer

von Redaktion

Klaus Wolfermann ist die ewige Anlaufstelle für die Teilnehmer der Spiele von München

Klaus Wolfermann, 76, ist einer der höchst präsent gebliebenen deutschen Olympiasieger von 1972. Das liegt zum einen daran, dass sein Wettkampf besonderen Erinnerungswert hatte: Als Außenseiter gewann der gebürtige Franke gegen den Speerwurf-Matador Janis Lusis mit dem winzigen Vorsprung von zwei Zentimetern (90,48:90,46 Meter) – und erst 2016 durch Thomas Roehler gab es wieder deutsches Gold in dieser Disziplin. Vor allem aber wurde Wolfermann zu demjenigen, der die Klasse von 1972 seit 50 Jahren zusammen hält und manchmal auch Anlaufstelle für ausländische Athleten ist.

Herr Wolfermann, wie wurden Sie zum Olympia-Kümmerer?

Man sagt zu mir immer, ich hätte ein Helfersyndrom. In Altdorf bei Nürnberg, wo ich geboren wurde, habe ich spastisch gelähmte Kinder ausgefahren, dazu haben meine Eltern mich stets ermuntert. Wenn wir jetzt auf den Sport kommen: Nach München haben wir Bayern uns öfter getroffen, zusammen mit Paul Barth (Judoka, d. Red,) und Wolfi Zimmerer (Bobfahrer) hatte ich die Idee, eine Fußballmannschaft zu gründen, den FC Olympia. Wir haben für gute Zwecke wie die Jugendarbeit gespielt, hatten Gastspieler wie Theo Waigel und waren die erste Mannschaft, die nach dem Zusammenschluss von Ost und West in Erfurt und Leipzig Benefizspiele initiiert hat. Das mit dem Fußball verflachte dann, weil wir alten Böcke nicht mehr kicken konnten, doch es kam zur Gründung der Stiftung „Sportler für Organspende“ und danach der „Kinderhilfe Organspende“. Eine schöne interessante Geschichte, wenngleich auch fordernd. Heuer haben wir 15 Veranstaltungen, 13 müssen mit einer Tombola versehen werden, dafür muss man die Preise auftreiben. Ich weiß gar nicht, wer es nach mir machen soll.

Ihre Adressenkartei hat einen gewaltigen Ruf.

Meine Frau ist da phänomenal. Sie pflegt an die tausend Sportleradressen und kann auch gleich sagen, wer bei welchen Spielen teilgenommen und Medaillen gewonnen hat. Und wir treffen viele Leute. Zum Beispiel Renate Stecher (gewann 1972 die 100 und 200 Meter für die DDR), die besucht uns hier in Penzberg immer auf dem Weg in den Winterurlaub.

Sie haben auch einige Zeit einen der populärsten Sportler der Spiele von München betreut: John Akii-Bua, den legendären 400-Meter-Hürden-Läufer aus Uganda.

Es gibt diesen Sommer eine Veranstaltung von Puma, zu meiner Frau habe ich gesagt: Menschenskind, wenn der John Akii-Bua noch leben würde, das wäre jetzt hier der Mann. Spricht man über die Spiele, kommen viele auf ihn. Seine Art, die Hürden zu nehmen, und sein Lachen nach dem Lauf waren prägend, unvergesslich.

Sie landeten bei Puma.

1974 stand an einem Sonntagmorgen Puma-Chef Armin Dassler bei mir in Burgkirchen vor der Haustür und bot mir einen Job an, weil sein Marketingchef überraschend gestorben war. Er gab mir 14 Tage Bedenkzeit. Ich war Sportlehrer, hatte ein Jahr zuvor ein Haus gebaut, hatte meine Gemeinschaft. Sollte ich wirklich wegziehen? Doch es war die Chance schlechthin, ich habe so viel erfahren, so viele Menschen kennenlernen dürfen. Es haben auch Fußballer wie Horst-Dieter Höttges und Rainer Bonhof für Puma gearbeitet, die sind in die Läden gegangen, haben ihre Storys erzählt – und nebenbei die Bestellungen aufgenommen. Mich hat Dassler in die ganze Welt geschickt – bis nach China, Kuba. Der Vertrag mit jamaikanischen Athleten, den ich akquiriert habe, der ist heute noch relevant.

Und dann hat, 1979 war das, Dassler Akii-Bua gebracht.

Armin sagte, er wollte John und seine Familie nach Herzogenaurach holen und John würde zu mir in die PR-Abteilung kommen. So kam es, ich habe ihn ins Marketing eingearbeitet. Ein wahnsinnig lieber Kerl. Armin Dassler hatte John ein älteres leer stehendes Haus in Herzogenaurach zur Verfügung gestellt. Auch wenn zwischen Puma und Adidas der Kampf tobte – es war eine Zeit der Menschlichkeit. John und ich unterhielten uns immer auf Englisch. Eines Tages fuhren wir zu einer Veranstaltung, meine Frau bespricht mit mir auf Deutsch interne Sachen darüber, da sagt er auf einmal vom Rücksitz: „Nein, nein, das stimmt so nicht.“ John hatte ich bei Eröffnungen als Repräsentanten dabei, bei Gesprächen mit Fachverbänden, bei Olympischen Spielen als helfende Person im Puma-Shop. Er war ein gefühlvoller Mensch und half durch sein Erscheinungsbild.

In Uganda herrschte Diktator Idi Amin. Zu dessen Zeit und noch danach konnte es auch für einen Olympiasieger gefährlich sein.

Es gab politische Phasen, da durfte er nicht ins Land und war heilfroh, dass die Familie in Deutschland war. Ab und zu spann er Pläne, trotz Einreiseverbots seine Geschwister zu besuchen. Ich warnte ihn: Geh nicht runter, du kommst sonst nicht wieder.

2015 suchte Eddie Hart den Kontakt zu Ihnen, der US-Sprintfavorit, der 1972 seinen Zwischenlauf verpasst hatte.

Eddie wollte mit ein paar Begleitern kommen, um seine Geschichte aufzuarbeiten. Sie fragten, ob ich einen Journalisten kenne, der 1972 dabei war und das alles miterlebt hatte. Ich vermittelte ihnen Michael Gernandt von der Süddeutschen Zeitung. So haben Eddie Hart und ich uns dann kennengelernt und ausgetauscht.

100- und 200-Meter-Sieger wurde Valeri Borsow.

Den habe ich 15 Jahre nach München getroffen. Er hatte zugelegt. Ich fragte ihn: „Wie schaust denn du aus?“ Er sagte: „Ich bin jetzt Funktionär, ich muss gut essen und leben.“

Die speziellste Freundschaft pflegen Sie mit Ihren Speerwurf-Kumpels. Vor allem mit Janis Lusis, den Sie in München um zwei Zentimeter bezwangen. Mit ihm blieben Sie bis zu seinem Tod 2020 in enger Verbindung.

Janis war eine Respektsperson, von der man nur lernen konnte. Ich sagte zu ihm: Komm zu mir nach Burgkirchen. Und tatsächlich: 1973, vor einem Länderkampf UdSSR – Spanien, durfte er mit seiner Frau Elvira, die schwanger war, als erster Ost-Athlet alleine in den Westen reisen, um bei uns ein paar Tage zu verbringen. Und später war es so: Ich habe nie gefragt, wann er wieder fährt. Wenn er kam, sind wir zum Essen auf den Olympiaturm gefahren. Da wollte er immer hin.

Wie haben Sie sich unterhalten?

Auf Englisch. Seine Mutter konnte aber sehr gut Deutsch.

Ihre Besuche erfolgten regelmäßig in beide Richtungen.

Ich war bei seinen Geburtstagen. Seiner Familie ging es nicht so gut, ich habe ihn daher unterstützt. Ich fragte: „Warum steigst du nicht in die Verbandsarbeit ein?“ Er ging dann nach Madagaskar, aber nur für zwei Monate, und einige Zeit als Speerwurf-Trainer nach Schweden. Was ich noch erzählen muss: Er war natürlich ein Schlitzohr. Wenn er zu uns auf Besuch kam, hatte er immer töpfeweise Kaviar dabei; wie er es damit über die Grenze schaffte, weiß ich nicht. Seinen Kaviar haben wir in den größeren Münchner Hotels verkauft.

Weitere Speerwurf-Freunde?

Miklos Nemeth, der in München Siebter wurde, und Bill Schmidt, der Bronze gewann. Schmidt war Amerikaner, der Vater stammte aus Garmisch-Partenkirchen. Einmal erhielt ich von ihm einen Anruf: Er war auf dem Oktoberfest und bat mich, vorbeizukommen. Also fuhr ich hin, im Zelt fragten Leute mich um Autogramme. Bills Freunde wunderten sich über seinen deutschen Bekannten – sie hatten gar nicht gewusst, dass er selbst ein olympischer Spitzensportler gewesen war.

Interview: Günter Klein

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