50 Jahre Olympia – da ist auch Günter Zahn, 68, aus Niederbayern wieder gefragt. Als Aktiver schaffte er es zwar nie zu den Spielen (viel fehlte nicht), unvergessen aber bleibt er als der letzte Fackelläufer von München, der am 26. August 1972 das Feuer entzündete. Den Ort des prägenden Erlebnisses besucht der ehemalige Polizist jedes Jahr im Oktober; als Trainer der LG Passau hat er beim München Marathon stets etliche aussichtsreiche Athletinnen und Athleten am Start.
Herr Zahn, beim München Marathon begleiten Sie Ihre Läufer auf dem Fahrrad durch die Stadt, das Ziel liegt im Olympiastadion, in dem Sie 1972 an die 200 Stufen hochgelaufen sind und das Olympische Feuer entzündet haben. Was geht Ihnen da durch den Kopf?
Eine Erinnerung ist hängen geblieben, die von 2011, und das hat mit Richard Friedrich zu tun, der damals den Marathon gewonnen hat und dieses Jahr am 22. Februar an Leukämie verstorben ist: Sein Sohn hat in der Nacht vor dem Marathon 2011 bei uns im Hotelzimmer übernachtet, ich habe beim Wettkampf Richard begleitet, er lag weit vorne, und bei der Einfahrt am Marathontor habe ich zu ihm gesagt: „Mensch, jetzt kann ich mit dir einen Triumph feiern, wo ich vor zig Jahren die Treppen hochgelaufen bin.“ Ich hatte nasse Augen vor Freude.
Entdeckt wurden Sie bei den Deutschen Jugend-Meisterschaften 1972.
Ich bin Deutscher Meister über 1500 Meter geworden und habe mich riesig gefreut. Ich hatte zwar mit einer Medaille gerechnet, aber nicht damit, dass es so locker gehen und ich einen so klaren Vorsprung herauslaufen würde. Zu meiner ganzen Überwältigung kam das i-Tüpfelchen. Ich wurde gerufen: Da warteten drei Leute auf mich, die mit mir ein Gespräch führen wollten. Ob ich Fackelläufer werden möchte. Am nächsten Tag habe ich mit Willi Daume (Präsident des Nationalen Olympischen Komitees) in München gesprochen. Er erklärte mir die Größe der Aktion und was alles daran hängt und fragte, ob ich mir das zutraue. Ich sagte Ja. Er daraufhin: „Dann sind Sie der Fackel-Schlussläufer.“
Wie intensiv wurde geprobt?
Ich kam eine Woche vor der Eröffnungsfeier nach München, und es wurde jeden Tag geübt. Mit Stadionsprecher Blacky Fuchsberger, der mich ansagte.
Was kaum jemand weiß: Das Feuer wäre auch entfacht worden, wenn Sie die Fackel nicht an die Schale gehalten hätten; es war auf einen bestimmten Zeitpunkt programmiert. Hätte blöd ausgesehen, wenn Sie zu spät oben angekommen wären.
Ich war immer schneller oben, oft zehn Sekunden zu früh. Vormittags haben wir im Stadion geübt, an den Nachmittagen habe ich trainiert und versucht, mit den Olympia-Langstrecklern wie Lasse Viren oder Frank Shorter mitzuhalten – dadurch bin ich in den Wettkampfschritt verfallen. Bei der Eröffnungsfeier war ich auch zu schnell. Ich habe die Fackel dann ein paar Sekunden hingehalten, ohne dass sich was getan hätte. Aber wäre ich zu spät oben angekommen, das wäre wirklich schlimm gewesen. Man würde heute noch davon sprechen, was das für ein viel zu langsamer Fackelläufer gewesen ist.
Wie sollte der Schritt sein? Gab es eine Definition?
Er sollte schon dynamisch sein. Es war kein Trimm-Trab, sondern schon ein richtiger Lauf. Ich schätze: Kilometerschnitt unter vier Minuten. Zumindest auf der Bahn. Auf der Treppe war es langsamer.
Es gab einen Ausrüsterstreit im Vorfeld.
Im Jahr zuvor war ich Sechster bei der Deutschen Jugendmeisterschaft, da habe ich von Adidas und Puma einige Sachen geschenkt bekommen. sie haben Kleinigkeiten geschickt. 1972 lief ich allerdings in Schuhen von Brütting, einer kleinen Firma – doch nachdem ich als Fackelläufer in den Fokus gerückt war, sagte Adidas: „Das geht nicht, du stehst bei uns unter Vertrag.“ Einen Vertrag gab es zwar nicht, aber die Richtlinien des Deutschen Leichtathletik-Verbands, der sich in Gestalt seines Präsidenten Dr. Kirsch massiv einschaltete und mir verbot, Brütting-Schuhe zu tragen, obwohl die weiß, ohne Logo und neutral waren. Ich habe schließlich die Adidas-Schuhe angezogen, aber die Streifen abgeklebt. Also sie zu meinen Gunsten präpariert.
Wie groß war der Medienandrang?
Mit heute kann man das nicht vergleichen. Es war allerdings auch eine Zeit, in der wir Sportler mit Medien noch nicht so gut umgehen konnten. Ich muss lachen, wenn ich alte Ausschnitte ansehe, mit Franz Beckenbauer etwa, wie da gesprochen worden ist gegenüber jetzt. Ich hatte da ganz schön Bammel. Als ich mit Willi Daume in die erste internationale Pressekonferenz musste, dachte ich mir: „Ach du Schande, hättest du lieber abgesagt.“ Das war sehr aufregend. Die ganze Welt schien sich zu interessieren. Der Bürgermeister meiner Heimatgemeinde ist angeschrieben worden. Meine Mutter war wegen einer Schilddrüsenoperation im Krankenhaus, und da ist die Bild-Zeitung hin und hat sie befragt.
Wurden Sie während der Spiele erkannt von den Zuschauern?
Ich war ja nur unterwegs, im Dorf oder im Stadion, jede Minute, das war alles ein Eldorado für mich. In der Leichtathletik habe ich alles mitgenommen, auf dem Weg haben mich die Leute angesprochen, auch meinen früheren Sportlehrer habe ich zufällig getroffen. Und weil ich zwei Ehrenkarten hatte, habe ich ihn mit reingenommen.
Und jetzt melden sich die Medien verlässlich alle vier Jahre?
So ist es. Inzwischen werden vor den Olympischen Spielen die letzten Fackelläufer geheim gehalten, deshalb kommt es vor, dass man mich fragt, was ich meine, wer es sein wird. Vor London 2012 gab es Spekulationen, David Beckham oder Prinz Charles könnten das Feuer entzünden. Dazu hat das ZDF bei mir zuhause im Garten gedreht. Wolf-Dieter Posch-mann, den langjährigen Sportchef des ZDF, kannte ich ganz gut. Er war auch Läufer, und wir haben uns immer ein Hotelzimmer geteilt.
Sicher richten Sie ein besonderes Augenmerk auf Ihre Nachfolger als letzte Fackelläufer. Welche blieben Ihnen in Erinnerung?
Tränen in den Augen hatte ich 1996 bei Muhammad Ali in Atlanta. Wie er da mit zittriger Hand dastand, wie ich ihn kämpfen sah. . . Oder der Bogenschütze, der 1992 in Barcelona das Feuer entzündete – das war spektakulär und eine Leistung.
Wie werden Fackelläufer durch das IOC gewürdigt?
Wir waren gerade im Urlaub in Frankreich, sind von dort aus rüber nach Lausanne an den Genfer See. Es sind Prachtbauten, die das IOC dort hat – und es gibt auch ein Olympisches Museum. Dort gibt es eine Treppe, auf der jeder Fackelläufer auf einer Stufe mit Jahr und Ort verewigt ist. Meine Frau hat sich auf meine Stufe gesetzt.
Fackelläufer ist schon ein besonderer Status.
Es hilft, dass ich es gewesen bin. Zum Beispiel wollte ich unbedingt mal beim berühmten Silvesterlauf in Sao Paulo starten, der war das Nonplusultra. Dass ich Fackelläufer in München war, habe ich bei der Anmeldung an den Veranstalter dazugeschrieben – und schon war ich eingeladen. Bei einigen anderen Laufveranstaltungen auch.
Ich bin eng mit Patriz Ilg befreundet, wir unternehmen gemeinsame Radtouren. Er war Europa- und Weltmeister über 3000 Meter Hindernis. Er sagt zu mir: „Dich kennen mehr als mich. Nach Welt- und Europameistern muss man speziell suchen, bei Olympia kommt immer dein Name.“
Interview: Günter Klein