London – Kurz hatte auch Martina Voss-Tecklenburg mit Lena Lattwein und Jan-Ingwer Callsen-Bracker, dem für neurozentrisches Training zuständigen Experten und Ex-Profi versucht, den Ball hochzuhalten. Es dauerte nicht lange, dann versprang der Bundestrainerin die Kugel, da half auch ein Ausfallschritt nicht mehr. Unter lautem Gejohle floh die 54-Jährige selbst aus dem Pulk der sich aufwärmenden Spielerinnen, bald schob sie zusammen mit Co-Trainerin Britta Carlson lieber ein Tor auf dem Rasen des Grasshoppers Rugby Football Club in Brentford. Hier saß jeder Handgriff der beiden. So wie überhaupt das Zusammenspiel auf der Trainerbank viel, viel besser funktioniert als bei der WM 2019 in Frankreich.
Damals gab es ausgerechnet vor dem Viertelfinale gegen die bis dahin als Lieblingsgegner gehandelten Schwedinnen interne Verwerfungen, was zu einer überraschenden Aufstellung führte und letztlich zu einem vermeidbaren Ausscheiden. Deshalb wissen Voss-Tecklenburg wie Carlson, was sie jetzt vor dem ersten K.o.-Duell dieser EM gegen Österreich (Donnerstag 21 Uhr/ARD und DAZN) auf keinen Fall tun dürfen: das perfekt durch die Gruppenphase gekommene Ensemble durch Experimente verunsichern. Aber die werde es auch nicht geben, versicherte die für Gegneranalyse und Spieltaktik zuständige Carlson: „Wir werden und brauchen nichts groß zu verändern.“ Gegenüber 2019 gebe es „viel mehr Klarheit“, bestätigte die 44-Jährige, „wir kennen uns besser, beide Seiten hören zu und kommunizieren viel.“ Wenn Lina Magull wieder fit ist, beginnt jene Startelf, die sich gegen Spanien (2:0) bewährt hat. Die gesperrten Felicitas Rauch und Lena Oberdorf kehren zurück, Lea Schüller hat nach ihrer Corona-Infektion das Aufwärmprogramm mitgemacht.
Trotz einer für England völlig untypischen Gluthitze mit Temperaturen von nahezu 40 Grad – die Nachrichtensender überschlagen sich in Warnungen und Hinweisen – haben die Deutschen vormittags eine „kurze, knackige Einheit“ (Carlson) und nachmittags eine Bootstour auf der Themse absolviert, die im Westen Londons wunderschöne Anblicke bietet. Mal rauszukommen sei gerade jetzt wichtig, sagte Carlson, außerdem war die Teilnahme auf dem klimatisierten Schiff jedem Einzelnen freigestellt.
Voss-Tecklenburg ist den Rad- und Fußweg am Ufer, den sogenannten „Thames Path“, bereits abgefahren. Sie glaubt fest daran, dass auch ihre Mannschaft keine Orientierungsprobleme haben wird, wenn im vertrauten Community Stadium von Brentford gegen einen defensivstarken Gegner vor allem „Körperlichkeit und Geduld“ (Carlson) gefragt sein werden. „Die werden laufen bis zum Umfallen“, glaubt Kapitänin Popp, „sie leben ja extrem von ihrem Teamgedanken.“
Aber auch Popp und Co. haben in mühsamer Kleinarbeit noch einen tragfähigen Teamgeist entwickeln können. In Frankreich war letztlich vieles von einem über die Sozialen Medien verbreiteten Zusammengehörigkeitsgefühl nur gespielt, in England ist bislang kein Widerspruch zwischen virtueller und realer Welt zu entdecken.
Joti Chatzialexiou, der Sportliche Leiter, erwartet ein leidenschaftliches Nachbarschaftsduell, „da spielt Herz gegen Herz“. Aber bei allem Respekt vor den Österreicherinnen müsse gelten: „Auch im Viertelfinale werden wir entscheiden, wer als Sieger vom Platz geht.“ Danach könnte es ein Halbfinale gegen Frankreich oder Titelverteidiger Niederlande in der wenig erbaulichen Planstadt Milton Keynes geben, wo das deutsche Team zuletzt in Zimmern ohne Klimaanlage übernachten musste.
Solche Themen haben die Protagonisten mehr beschäftigt als ein Beitrag von Hans Krankl (siehe Artikel unten), der als gut bezahlter Kolumnist den Bogen zu den Frauen spannt, um an historischen Taten Österreichs bei der WM 1978 in Argentinien zu erinnern. Carlson verwies darauf, das seien doch die Männer gewesen. Und hat 44 Jahre später nicht ansatzweise etwas mit einem Viertelfinale einer Frauen-EM zwischen Deutschland gegen Österreich zu tun.