Tennisspielerin Kassatkina

Mutiger als Russlands Größen

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Sommer 2015, Urlaub im Gasteiner Tal. Es lief gerade das jährliche Damentennisturnier. Unterste Preisgeldkategorie der WTA, zwei Plätze, der Centre Court mit einer kleinen Tribüne, die Tageskarte billig. Also zugegriffen, einfach mal schauen. Es spielte in der zweiten Runde Darja Kassatkina, 18, gegen die ausgefuchste Italienerin Sara Errani. Kassatkina, Russin, aber keine aus einer Akademie in Florida, sondern vom heimischen Tennisplatz. Sie sagte bei Fehlern nicht „Fuck“, sondern fluchte in ihrer Sprache. Keine Power-, vielmehr eine Schönspielerin. Man konnte sehen, dass sie ganz gut werden, aber nie einen Grand-Slam-Titel gewinnen würde. Kassatkina verlor damals gegen Errani – doch gewann Fans. Unter anderem den Autor dieser Zeilen, der seitdem immer nachschaut: Wie spielt Darja?

Nun ist sie Nummer zwölf und für einen Moment Weltgesprächsthema. Sie zeigt sich glücklich in ihrer gleichgeschlechtlichen Liebe – in Russland verstößt sie damit gegen eine gesellschaftliche Konvention. Vor allem aber verbindet sie ihr Coming-out mit klaren Worten in Richtung des Kriegstreibers Wladimir Putin, nennt das, was Russland der Ukraine antut, einen Albtraum – und das ist bemerkenswert mutig.

Sie weiß ja, dass sie nichts ändern kann. Dafür ist sie, obwohl Russlands bestplatzierte Tennisspielerin, eine viel zu kleine Gegnerin für Putin, der auch in die Sportszene hineinregiert: Da wird Iwan Fedotow, Eishockey-Nationaltorwart von ZSKA Moskau, zum Wehrdienst eingezogen, bevor er in die USA wechseln kann. Da bekommt Artemi Panarin, ein herausragender NHL-Spieler, die zersetzende Arbeit des Geheimdienstes zu spüren, seit er vor ein paar Jahren von Putin zu verantwortende soziale Missstände benannt hat – zum Krieg schweigt er nun lieber aus Furcht vor weiterer Diskreditierung seiner Person. Alexander Owetschkin, russischer Superstar der Washington Capitals, kann sich nicht einmal dazu durchringen, sein Instagram-Profil zu ändern – es zeigt ihn weiterhin mit Buddy Putin. Dabei könnte Owetschkin den Diskurs beeinflussen. Er macht sich aber lieber mit dem System gemein. Vielleicht findet er es auch gut.

Kassatkina nimmt den Verlust von Privilegien in Kauf – für den Erhalt ihrer Menschlichkeit. Für die meisten ihrer Kollegen kein akzeptabler Deal – mit ihrem Mut steckt sie alle in die Tasche. Sie ist eine Nummer eins.

Guenter.Klein@ovb.net

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