Anders gegessen, mehr gejubelt

von Redaktion

Kletterin Hannah Meul ist 2022 erfolgreich wie nie, was auch an ihrer Ernährung liegt

VON THOMAS JENSEN

München – Es ist dieser Moment, der bei Hannah Meul Freudentränen auslöste: Kurz schwingt sie nach links, ohne Halt mit den Füßen. Aber sie hält sich mit ihren Händen fest und als ihre Beine wieder nach rechts pendeln, setzt sie ihre Kletterschuhe an die Wand. Nun nimmt sie auch ihre linke Hand nach oben zu dem gelben Griff, dem höchsten der Boulderroute.

Am 12. Juni war das, im Finale des Boulder Weltcups im südtirolerischen Brixen. Mit dem letzten Griff zog sie sich damals das erste Mal auf das Podest eines Weltcups, in die Weltspitze und auch in Reichweite der Medaillen der European Championships.

„In diesem Moment, als ich mich zum Publikum umgedreht habe, war ich einfach überglücklich“, erinnert sich die 21-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. Auf Youtube gibt es eine Zusammenfassung des Wettkampfs, ihr breites Lachen, während sie in der Wand hängt, ist nicht zu übersehen. Bei der Siegerehrung mischten sich dann die Freudentränen der Zweitplatzierten dazu. Zwei Wochen später wiederholte sie den Erfolg in Innsbruck. „Ich habe bestätigt, dass das kein Zufall war, sondern ich dorthin gehöre“, meint Meul.

Gespürt hat die gebürtige Frechenerin (bei Köln) das wohl schon länger, gehindert hat sie allerdings ihr Körper. Im vergangenen Jahr habe sie Lebensmittelunverträglichkeiten entwickelt, erzählt Meul. „Ich habe zwar Sport gemacht, aber immer weniger Energie gehabt.“ Keine leichte Zeit, da sie lange nicht wusste, was ihr die Energie nahm. Erst nach zahlreichen Arztbesuchen wurden die Unverträglichkeiten festgestellt. Auf Produkte, die Gluten enthalten, verzichtet sie seitdem, ebenso wie auf Milch, Hafer und Eier. Diese Umstellung war am Anfang „nicht leicht“, gibt Meul an, aber inzwischen konzentriere sich sich nicht auf den Verzicht, sondern auf die Möglichkeiten, die sie habe und die ihr Energie gäben. „Daher ist es keine Last, sondern ein Geschenk. Ohne das wären die Leistungen 2022 nicht möglich“, sagt Meul.

Während die Kölner Studentin sozialer Arbeit ihre Ernährung also anpasste, trainierte sie für diese Saison: „Da habe ich gemerkt, dass ich so fit bin wie noch nie und dass das Jahr der Knoten platzen könnte.“

Ihre Ziele, die sie sich vor der Saison steckte, hat sie längst erreicht, das waren eine Finalteilnahme im Weltcup und eine Platzierung am Ende unter den besten zehn der Wertung (für ein Finale qualifizieren sich die besten Sechs eines Wettkampfs). In der Boulderweltcup liegt sie als bestplatzierte Europäerin auf Rang 5 und auch im Lead, also dem Klettern am Seil, hat sie die ersten beiden Top-Ten-Ergebnisse ihrer Karriere eingefahren. Eine Medaille als Ziel möchte sie trotzdem nicht ausgeben. „Die Hoffnung ist da, aber ich möchte einfach so viele Runden wie möglich vor heimischen Publikum klettern und bis zum Schluss kämpfen“, sagt sie.

Inzwischen kann sie dieses Ziel wieder optimistischer angehen. Anfang Juli infizierte sie sich mit Corona und verpasste einige Wettkämpfe. Ihr Boulderwettkampf in München wird der erste seit ihrem zweiten Platz in Innsbruck Ende Juni sein. Mild sei die Krankheit zudem nicht verlaufen, zwei Wochen kletterte sie gar nicht und fühlte sich lange schlapp, erzählt Meul und ergänzt: „Erst vergangene Woche habe ich mich an der Wand wieder nach mir selbst gefühlt.“

Gerade noch rechtzeitig, um in München mit dem Gefühl teilzunehmen, das nach ihrer Aussage hinter den Erfolgen dieser Saison stecke: „Wenn ich an der Wand bin, kann ich mich ausschließlich darauf konzentrieren und nichts hält mich mehr davon ab.“ Und vielleicht ja auch noch rechtzeitig, um die eigenen Ziele zu übertreffen. Es wäre nicht das erste Mal.

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