Die Szenen, die an entgegengesetzten Enden der Stadt und in Sportarten mit stark unterschiedlichem Anforderungsprofil spielten, ähnelten einander. Tränen flossen in München-Riem in der zweckmäßigen Messe genauso wie im historischen Ambiente der Olympiahalle – und jeweils teilten die Kolleginnen die Gefühle der Protagonistinnen. Es war schon sehr herzig, daran beobachtend teilzuhaben: Lisa Brennauer nach ihrem letzten Rennen auf dem Rad-Oval und Turnerin Kim Bui, deren Karriere mit einer sicheren Landung vom Stufenbarren zu Ende ging. Beide gewannen Medaillen – bei Brennauer ist es Gold und Silber, bei Bui Team-Bronze – und hätten das zum Anlass nehmen können, die Karriere fortzusetzen. Denn den Beweis hatten sie erbracht: Sie können es noch.
Der Zeitpunkt, zu dem Brennauer und Bui aufhören, ist ungewöhnlich. Normal setzen Sportlerinnen und Athleten nach Olympischen Spielen den Cut. Die beiden Frauen machten eine Ausnahme. Sie definierten die Europameisterschaften, die von der Wertigkeit unter Olympia und WM anzusiedeln sind, als Schlusspunkt – was vor allem ein Vertrauensvorschuss für die Sammelveranstaltung European Championships und eine Verbeugung vor dem heimischen Publikum war. Beide wurden dafür belohnt – und man muss das als gerecht empfinden. Lisa Brennauers Erfolgskonstanz und ihre Vielseitigkeit (Bahn und Straße, wo sie in München noch einmal zu sehen sein wird), wurde erst spät gewürdigt, weil der Radsport der Frauen in einer Interessensnische stattfindet, Kim Buis Laufbahn wurde ebenfalls vor allem in Fachkreisen verfolgt; dass sie eine Ehrenrunde in einer ausverkauften Olympiahalle gehen würde, hatte sie sich im Vorfeld von München 2022 nicht vorstellen können.
Dass Brennauer und Bui in ihrem Sportlerinnenleben vieles richtig gemacht haben, zeigt das Anteilnehmen ihrer Begleiterinnen. Großartig, wie Verfolgungs-Europameisterin Mieke Kröger, die künftige Dominatorin, die zweitplatzierte Lisa Brennauer ins Zentrum der Ovationen rückte, und wie die Turnerinnen, allen voran Elisabeth Seitz, ihrer Leaderin Kim Bui huldigten. Das war aufrichtig – und nicht das „Wir sind alle Brüder“-Gedudel des Profifußballs.
Und es ist Kunst, ein Karriereende so zu gestalten wie Brennauer und Bui. Einfach nur Chapeau!
Guenter.Klein@ovb.net