Leidenschaft am Limit

von Redaktion

Klippenspringerin Iris Schmidbauer lieh sich Geld für den Flug nach Rom – und holte EM-Gold

VON THOMAS JENSEN

Utting am Ammersee – Sonne, Pommesgeruch, der sich mit der Seeluft vermischt und nur ein Problem an diesem Ferientag im Strandbad in Utting: Der Sprungturm ist gesperrt, kein Bademeister da.

Iris Schmidbauer hat ihren Badeanzug also umsonst mitgebracht. Aber wenigstens ein Foto mit der Goldmedaille ist möglich, auch die hat sie mitgebracht. Am Freitag sprang sie in Rom aus 20 Metern einen Rückwärtsdreifachsalto mit Doppelschraube. Kurze Zeit später war die gebürtige Puchheimerin, die in Pähl aufgewachsen ist, Europameisterin. Die erste in der Geschichte ihrer Sportart Klippenspringen. Und das, obwohl die 27-Jährige letztes Jahr noch kurz davor war, ihre Karriere zu beenden.

Darüber, dass sie es nicht gemacht hat, ist sie nun sehr froh. „Das Gefühl, als ich wusste, dass ich gewonnen hatte, war unglaublich“ erzählt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Sie sitzt bei einer Apfelschorle und mit Sonnenbrille im Schatten und blickt über die Liegewiese vor dem Sprungturm. Viele Familien sind hier, auch Kinder – ein paar wären sicherlich gerne gesprungen.

Wäre der Sprungturm früher auch zu gewesen, als Schmidbauer oft hier war, hätte sie vielleicht nie die Leidenschaft für das Springen ins Wasser entdeckt. Aus dem ersten Funken der Begeisterung wurde ein Feuer, als sie 2008 die Wasserspringer bei Olympia in Peking im TV sah. „Dann habe ich meine Eltern überredet, dass sie mich einmal in der Woche ins Training fahren“, erinnert sie sich.

Auf der anderen Seite: Finanziell ginge es der Abiturientin vielleicht besser, wenn sie damals nicht diesen Weg eingeschlagen hätte. Deswegen hätte sie vergangenes Jahr auch fast aufgehört. „Ich war verzweifelt und wusste nicht, wie es weitergehen soll“, sagt sie und erzählt, dass sie mehr oder weniger von der Hand in den Mund lebe: „Die Preisgelder sind beinahe meine einzigen Einnahmen, in meiner Sportart bekommt man keine finanzielle Unterstützung vom Verband oder der Sporthilfe.“

5.000 Euro brachte der EM-Titel, dadurch konnte sie zumindest Schulden zurückzahlen. Eine US-amerikanische Klippenspringerin, Eleanor Smart, hatte ihr unter anderem das Geld für den Flug nach Rom vorgestreckt. Bei Smart in Utah bereitete sie sich auch auf die EM vor. Sonst lebt sie meist in Dresden und trainiert kostenfrei beim Bundesstützpunkt der Wasserspringer mit – auch wenn sie nicht professionell betreut wird. „Es geht aber gar nicht drum, dass ich mir einen eigenen Trainer leisten kann, dass wäre irgendwann mal cool“, erzählt Schmidbauer schmunzelnd: „Sondern, dass ich mir mal eine Wohnung leisten kann in Dresden. Ein paar Sponsoren wären einfach schön.“ Wenn sie in Dresden ist, schlafe sie bei Lydia Chernykh, einer Trainerin, auf der Couch. Flug- und Hotelkosten zahlen die Veranstalter, andernfalls könnte sie sich ihre Leidenschaft nicht leisten.

Ob es mit dem Erfolg jetzt besser wird? „Ich versuche, mir keine großen Hoffnungen zu machen. Schon oft habe ich mir gedacht, dass man doch auf mich aufmerksam werden müsste, und es ist nichts passiert“, erzählt sie, und strahlt nicht mehr so, wie wenn sie von Rom und ihren Anfängen im Wasserspringen erzählt.

Aus dem Holzturm in Utting sind die Klippen und Türme der Welt geworden. Schmidbauer springt im Weltcup der Fina, dem internationalen Dachverband des Wassersports. Zudem ist sie bei der Red Bull Cliff Diving Series dabei, der „Formel 1“ des Klippenspringens. Aufgeregt sei bei jedem Sprung wieder, sagt sie: „Meinen Start aus dem Handstand zum Beispiel, bin ich insgesamt in meinem Leben erst vierzehn Malgesprungen, das Training mitgezählt.“

Übungsmöglichkeiten aus 20 Metern habe sie kaum, der Alltag besteht aus Sprüngen vom Zehner, bei dem die einzelnen Elemente trainiert werden, erläutert sie. Bei der Aufregung vor Sprüngen unterscheidet sie sich also nicht so von sich selbst als Kind, das mit dem Fahrrad ins Strandbad kommt, um zu springen. Damals wurde sie aber sicher nicht nach Autogrammen gefragt. An diesem Tag nun schon, ein Badbesucher ist auf die Goldmedaille aufmerksam geworden.

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