„Lewandowski ist fast schon vergessen“

von Redaktion

Gladbach-Profi Christoph Kramer über Bayerns Transfersommer, Comedy und Daniel Farke

München – Christoph Kramer (31) hat sich mit Borussia Mönchengladbach zum Bayern-Schreck entwickelt. Acht der jüngsten 17 Duelle gewannen die Fohlen – der FCB nur sechs. Im Interview mit unserer Zeitung spricht der Weltmeister von 2014 über eine ausgeglichene Bundesliga und Harald Schmidt.

Herr Kramer, der FC Bayern marschiert. Die Hoffnungen, die Spannung in der Liga zu halten, liegen schon wieder früh auf Gladbach…

Unsere Bilanz gegen Bayern war in den letzten Jahren wirklich gut. Wir würden uns freuen, wenn wir die Liga spannend machen können. Aber nach dann gerade einmal vier Bundesligaspieltagen kann die Spannung im Titelkampf noch nicht raus sein, egal wie das Spiel ausgeht.

Warum ist die Borussia immer so stark gegen den FCB?

Manchmal ist das einfach so. Nehmen wir zum Beispiel unsere Statistik beim SC Freiburg. Dort konnten wir seit Jahren nicht gewinnen. Letztes Jahr hatte Bayern neun Corona-Fälle, es war Schneechaos, in den ersten 30 Minuten müssen sie 3:0 führen – das Tor machen dann aber wir. Das sind Dinge, die kann man nicht immer erklären. Gegen Bayern verkaufen wir uns immer sehr teuer. Wir nehmen es gerne an – auch wenn wir wissen, dass wir uns alle vier bis fünf Spiele mal eine richtige Reise von ihnen holen.

Gibt es taktisch ein Erfolgsrezept?

Man darf Bayern nie spielen lassen. Man kann gegen sie verteidigen, aber nicht über 90 Minuten. Wir versuchen, selbst etwas zu kreieren, hatten beim letzten Aufeinandertreffen sehr viel Ballbesitz. Das es schwer wird, diese Ballbesitzquote zu halten, ist klar. Das muss aber das Ziel sein, um die Bayern aus dem Rhythmus zu bringen. Wir wissen aber natürlich, dass die Kirschen in München extrem hoch hängen.

6:1 in Frankfurt, 7:0 in Bochum: Sind sie überrascht, dass es bei Bayern auch ohne Lewandowski perfekt läuft?

Der Transfersommer von Bayern war Wahnsinn, wirklich Wahnsinn. In der Spitze war die Qualität schon immer hoch, jetzt haben sie in der Breite noch einmal zugelegt. So wie sie im Moment spielen, ist Lewandowski fast schon vergessen. Die Saison geht aber über 34 Spiele. Es wird sich noch zeigen, wie es ohne ihn auf Dauer laufen wird.

Wie gut tut Star-Neuzugang Sadio Mané der Bundesliga?

Ich freue mich immer, wenn die Bundesliga tolle Neuverpflichtungen bekommt. Ich habe oft das Gefühl, dass die Liga von uns Deutschen kleingeredet wird. Wenn sich Sadio Mané entscheidet, von Liverpool nach Deutschland zu wechseln, ist das ein Statement. Das ist total schön für die Liga und es tut ihr gut, dass man das Gefühl hat, dass Bayern jetzt auch international richtig angreifen kann. So wie Eintracht Frankfurt im Vorjahr in der Europa League.

Bayern dominiert, Leverkusen und der BVB straucheln… Die Bundesliga ist unfassbar ausgeglichen. Es gibt Bayern – und dahinter in vielen Spielen Lotterie.

Es sind hart umkämpfte Spiele, in denen es auf die Tagesform ankommt. Es ist ja auch schön, dass es in der Liga spannend ist. Das hofft man bei Bayern-Spielen auch – nach gefühlt sieben Minuten ist das dann aber meist schon vorbei.

Welche Rolle kann Gladbach in dieser Saison spielen?

Bei uns geht es in erster Linie nicht um einen Tabellenplatz, sondern darum, die letzte Saison, die uns allen weh getan hat, vergessen zu machen. Wenn wir erneut Zehnter werden, die Fans dafür aber das Gefühl haben, dass das wieder die Borussia ist, mit der sie sich identifizieren können, dann haben wir ganz viel richtig gemacht.

Welchen Anteil hat Trainer Daniel Farke am Aufschwung?

Für mich ist der Trainer immer die wichtigste Person im Verein. Deswegen hat er für mich den wichtigsten und größten Anteil.

Farke verriet zuletzt, dass er Sie und Ihre Mitspieler während des Spiels schon mal „durchbeleidige“. Bekommen Sie davon etwas mit?

Ich empfinde ihn an der Außenlinie als sehr ruhigen Vertreter seiner Zunft. Ich habe das auch nur gelesen. Dass er uns ab und zu mal beleidig – das gehört dazu. Wenn er die Ausstrahlung und die Ruhe beibehält, kann er sich ruhig seinen Teil denken, wenn wir wieder einen Fehlpass spielen.

In der Sommerpause nahm Sie Entertainer Harald Schmidt im Rahmen einer Comedy-Sendung unter seine Fittiche. Sind Sie in der Kabine nun noch witziger?

In der Sendung ging es um Standup-Comedy, das ist etwas ganz anderes. Ich würde sagen, dass ich eher über die Situationskomik komme. Ich bin nicht lustiger oder unlustiger als vorher. Ich muss aber sagen, dass ich mit Harald Schmidt einen Menschen kennenlernen durfte, den ich sehr bewundere. Man hat das ja manchmal, dass man in einen Raum kommt und denkt: Boah, das ist ja mal ein richtig geiler Typ! Harald Schmidt ist einer der bewundernswertesten Menschen, den ich je getroffen habe. Allein deswegen hat es sich schon gelohnt, da mitzumachen.

Was hat Sie so fasziniert?

Ich habe seine Show früher immer geguckt. Ich mag es, dass er vor nichts zurücksteckt, alles anspricht – das aber so macht, dass ihm keiner sauer sein kann. Das ist eine ganz große Kunst, die nur ganz wenige Menschen auf dem Planeten beherrschen. Er beherrscht sie in höchster Form.

Max Eberl könnte zu RB Leipzig wechseln. Viele Gladbach-Fans äußern schon jetzt ihr Unverständnis darüber. Können Sie die Kritik verstehen?

Wenn man durch die Vereinsbrille schaut, ist es doch normal, dass man Vereinswechsel grundsätzlich nur bedingt versteht – weil man nicht will, dass beispielsweise ein Spieler, der immer gut gespielt hat, den Klub verlässt. Max Eberl ist ein Typ, der sich viele Gedanken macht. Wie er sich hinsichtlich seiner Zukunft auch immer entscheidet, spielt für Außenstehende keine Rolle – es ist seine Entscheidung.

Interview: Johannes Ohr

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