München – München ist immer noch erfüllt von den wunderbaren eineinhalb Wochen der European Championships, die Menschen erzählen einander von dem stimmungsvollen Sport- und Kulturfest im Olympiapark, an markanten Stellen in der Stadt oder im Umland. Doch wenige Tage nach dem letzten Wettbewerb, dem umjubelten deutschen Sprintstaffel-Gold der Frauen im Olympiastadion, wandelt sich die Geschichte vom in Harmonie erzielten Erfolg in eine der Abrechnung.
Sanfte Andeutungen hatte Olympiapark-Chefin Marion Schöne schon am Sonntag gemacht, als sie sagte: „Es war eine Veranstaltung für die Sportler und Fans – und nicht für Funktionäre.“ Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung monierte sie auf Seiten der Leichtathletik- und Ruderverbände diverse Punkte: Mangelnde Unterstützung, Freikarten-Bettelei; einem Vertreter des europäischen Leichtathletik-Dachverbands sei es nur ums Catering und das Hotel gegangen.
Klingt süffig. Jedoch: Wie haltbar sind die Vorwürfe?
Tatsächlich gab es Zuständigkeits-Rangeleien. Die Olympiapark GmbH, die das „Local Organizing Comitee“ (LOC) stellte, hatte bei neun Europameisterschaften mehrere Vertragspartner: das übergeordnete „European Championships Management“, die beteiligten Verbände, die TV-Anstalten.
Zunächst reagierte der Deutsche Leichtathletik-Verband, der es „unüblich und suboptimal“ nannte, dass er – anders als bei der EM 2018 in Berlin – nicht in die Organisation eingebunden war. Aufgebracht ist der Bayerische Ruder-Verband, der die Vorwürfe, man habe zu wenig für den Erfolg der Championships getan, als „haltlos“ zurückwies. Willi Bock, Vorsitzender der Rudergesellschaft München 1972 und im Bayerischen Verband engagiert, wurde im Italien-Urlaub von der Schöne-Attacke überrascht. Er sagt, sogar an Pfingsten sei man Wünschen aus München zur Bereitstellung von Booten nachgekommen. Bock erzählt weiter, die Championships hätten unbezahlte Anzeigen bekommen, die bayerischen Ruder-Funktionäre ihre Eintrittskarten regulär gekauft. Eine Woche vor Beginn der Wettbewerbe habe Marion Schöne „einige Verbände angeschrieben und hilfesuchend um Ideen und Unterstützung für den angeblich schleppenden Kartenverkauf gebeten. Das war über Jahre der Job ihrer Marketing-Leute, deren Arbeitsergebnisse sie damit öffentlich infrage stellt.“ Und noch ein – grundsätzlicher – Kritikpunkt: Der Olympiapark gehe die Sanierung der Ruderanlage nach wie vor nicht an. Hergerichtet wurden nur Stege und der untere Teil der Tribüne, der Rest verfällt.
In der Kritik steht Marion Schöne seit geraumer Zeit bei Olympia-Teilnehmern von 1972 und Park-Nostalgikern, die hinter vorgehaltener Hand monierten, die 55-jährige Geschäftsführerin lasse die Affinität zur sportlichen Geschichte der Anlage und ihrem historischen Erbe vermissen und sehe den Park nur noch als Kulturzentrum.