Waren diese Spiele sauber?

von Redaktion

Tragödie eines Schwimmers, der Gold zurückgeben musste – Munterer Handel mit Dianabol

VON GÜNTER KLEIN

Rick DeMont war 16, als er Geschichte schrieb, die er nicht schreiben wollte: Der Schwimmer aus den USA wurde zum ersten Sportler, dem man eine Goldmedaille wieder wegnahm. Er war gedopt. Seine Probe, die er nach dem Sieg über die 400 Meter Freistil abgegeben hatte, enthielt Ephedrin. Sein Erfolg wurde annulliert, zu den 1500 Metern durfte das amerikanische Wunderkind nicht mehr antreten.

Doch war Rick DeMont Täter – oder Opfer durch die Unfähigkeit der Funktionäre? Seine Geschichte: Er hatte schon als Kind Asthma, er musste Tabletten nehmen, um die Bronchien frei zu bekommen. Er meldete das Medikament bei seiner Teamleitung an, er tat, was er zu tun hatte, und der normale Verlauf wäre gewesen, dass das IOC diese medizinische Indikation absegnet. Nur: Beim IOC kam die Information nie an, die Amerikaner versäumten es, DeMonts Asthma zu melden.

DeMont wurde so zum herausragenden Dopingfall. Es erwischte noch einige andere: je einen Radfahrer aus Spanien und den Niederlanden, die Bronze gewonnen hatten – in ihrem Sport war die fragliche Substanz erlaubt, nach den IOC-Regularien aber verboten. Ein Judoka aus der Mongolei musste seine Silbermedaille retournieren, weil er sich mit Koffein aufgeputscht hatte. Ein paar Dopingfälle – war München also sauber, unschuldig?

Mitnichten, behauptete Charlie Francis, Sprinter aus Kanada. Berühmt und berüchtigt wurde er lange nach München 1972. Er war Trainer seines Landsmanns Ben Johnson, der 1988 in Seoul als hochgedopter schnellster Mann der Welt für den bis dahin größten Skandal Olympias sorgte. Francis starb 2010, hat der Nachwelt aber das Buch „Speedtrap“ hinterlassen. Darin erläutert er sehr offen das Dopingprogramm für die ihm anvertrauten Athleten, die Motivation („Ben wollte nicht seinen Startblock einen Meter hinter die Linie setzen“) – und er berichtet auch, wie es 1972 zuging. Er selbst, versichert er, sei nach ersten Experimenten im Jahr zuvor bei den Spielen sauber gewesen (er schied in der zweiten Runde mit der bescheidenen Zeit von 10,51 Sekunden aus), habe aber regen Handel mit Dianabol mitbekommen. Auf anabole Steroide wurde vor fünfzig Jahren nicht getestet, erst ab 1975 war ihr Gebrauch offiziell verboten.

Francis schildert: Er traf den neuseeländischen Sprinter Laurie D’Arcy, der sich mit dem Werfer Robin Tait ein Zimmer teilte. Jay Silvester kam dazu, der im Diskuswerfen Silber gewinnen sollte. Er fragte: „Habt ihr Dianabol übrig? Meines ist aus.“ Tait habe ihm eine Flasche gegeben und Silvester sich ein paar Pillen eingeworfen und bedankt. Der Umgang mit Dianabol war offen, erfolgte ohne Scham. Francis glaubt, das Mittel sei „bei 80 Prozent der Medaillengewinner im Spiel“ gewesen, vor allem in den Teams von UdSSR, DDR, aber auch Großbritannien und Westdeutschland habe man darauf gesetzt.

Es ist eine Schätzung – vor allem wohl unter dem Eindruck, dass die nordamerikanischen Sportler sich 1972 in vielen Aspekten benachteiligt fühlten: Zwei ihrer Sprinter wurden ziemlich mitleidlos disqualifiziert, weil sie wegen eines veralteten Zeitplans ihren Zwischenlauf verpassten, die USA verloren unter dubiosen Umständen das Basketball-Finale gegen die Sowjetunion. Dass die Spiele rigoros versaut waren, darf man allerdings in Zweifel ziehen. Klar. für den Osten ging es darum, ein positives Bild der Leistungskraft des Systems zu schaffen, und der Westen wollte gegenhalten – allerdings dürfte die Motivation der Sportler, die noch Amateure waren, gegen Dopingbereitschaft gesprochen haben.

Der Münchner Judoka Paul Barth, der dem bürgerlichen Beruf des Bankkaufmanns nachging und 1972 Bronze gewann, erzählte vor einigen Jahren, dass er von den Trainern über die Möglichkeit anaboler Unterstützung in Kenntnis gesetzt worden sei und man ihm auch gesagt habe, dass über mögliche Langzeitwirkungen („Wie das dann mit dem Nachwuchs ist“) noch nichts bekannt sei. Für Paul Barth war klar: In jeder Hinsicht nichts für ihn. Er wollte seinen Erfolg aufrichtig und gefahrlos erkämpfen.

Artikel 1 von 11