Köln – Michael Köllner atmete einmal tief durch. Sein Experiment war gelungen. Gerade hatte Innenverteidiger Jesper Verlaat in der 86. Minute das erlösende Tor zum 1:1-Ausgleich für den TSV 1860 bei Viktoria Köln erzielt, die ganze Bank war aufgesprungen, rannte jubelnd auf den Platz und lag sich in den Armen. Darunter auch Köllner. Dann blähte der Löwen-Trainer die Backen auf, staute den Atem an – und ließ dann los. Pffffff.
Der zweite Saisontreffer des blondgelocketen 1,92-Meter-Kolosses Verlaat, der in Köln ab der 75. Minute in den Sturm beordert wurde, hatte Köllner und seine Löwen erlöst. „Eine Willensleistung im Sechzehner“, wie es der 52-jähirge Trainer beschrieb. Die Serie von nun sechs ungeschlagenen Spielen in der 3. Liga hielt.
Wonach es, das muss man sagen, lange aber nicht ausgesehen hatte in Köln. „Schwierig“ würde es werden, hatte Köllner im Vorfeld prognostiziert – und er sollte Recht behalten. Zwar gelang der Start, nach etwa 15 Minuten aber übernahmen die Hausherren die Spielkontrolle. 1860 geriet hinten mächtig ins Schwimmen – auch, weil der sonst überzeugende Leandro Morgalla (17) keinen guten Tag erwischte. Schließlich brachte er Kölns Simon Stehle im Strafraum zu Fall, den korrekt gegebenen Elfmeter verwandelte Marcel Risse (32) mühelos (24. Minute). „Ein Genickschlag“ (Köllner), ebenso wie der nicht gegebene Elfmeter zugunsten der Löwen, als Boyamba kurz nach der Pause von Jamil Siebert am Fünfmeterraum touchiert wurde und zu Boden ging (53.).
Die Aufregung darum allerdings – auch Boyamba selbst sah wegen eines Wortgefechts mit dem vermeintlichen Täter die gelbe Karte – rüttelte Sechzig wach. Nun stimme der Wille, die Angriffe auf das Tor der Viktoria wurden mehr. Ein starker Erik Tallig (22), der schon zur Pause den äußerst blassen Martin Kobylanski (28) ersetzt hatte, verlieh 1860 mächtig Auftrieb. Und dann der Schachzug Köllners, dem inzwischen eingewechselten Fynn Lakenmacher (19) im Sturm Verlaat zur Seite zu stellen. Wobei der Schöpfer der Idee eigentlich ein anderer war: „Stefan Reisinger hat mir immer gesagt: ‚Komm, komm! Mach jetzt: Stell den Verlaat vorne rein‘“, veriet Köllner. „Ich wusste: Ich muss in den letzten fünfzehn Minuten etwas riskieren und die Dinge erzwingen.“
Gesagt, getan. Köllner reagierte, Verlaat erzwang durch seinen Kopfball nach Hereingabe Lakenmachers. Der als Flankengott, Verlaat in bester Sergio-Ramos-Manier … ungewohnte Rollen am Samstagnachmittag am Höhenberg. Verlaat war‘s recht: „Ich spiele auch im Training gerne Stürmer“, sagte der 26-Jährige schmunzelnd. „Ich bin einfach froh, dass ich hier heute meinen Teio zum Punktgewinn beitragen konnte. Das war eine Mannschaftsleistung mit der Brechstange zum Ende.“ Auch Verlaat wusste, dass man mit dem Punkt zufrieden sein konnte: „Dresden hat hier verloren, Wiesbaden hat hier verloren“, da nehme man das Unentschieden gerne mit. „Wir haben auswärts nicht verloren und das ist wichtig.“
Die Tabellenführung steht nach wie vor durch eine Kampfesleistung, die eine Topmannschaft auch ausmacht. All das nimmt Sechzig mit aus Köln. Und nicht zu vergessen natürlich die Erkenntnis, dass Verlaat es auch im Sturm kann. „Gut zu wissen“, so Köllner. Wobei das nur eine Notlösung bleiben soll. „Ich habe Skenderovic und Lakenmacher schon nach dem Spiel beruhigt: Dass Verlaat in Zukunft vorne steht, ist keine Option.“