Der Rohdiamant schleift sich selbst

von Redaktion

Erik Tallig ist bei den Löwen zu einer Schlüsselfigur geworden – an ihm hängt mittlerweile viel

VON JACOB ALSCHNER

München – So mancher Tribünengast der Partie des TSV 1860 gegen Viktoria Köln am Samstag rieb sich beim Blick auf die Startaufstellung die Augen. Da fehlte ein absoluter Leistungsträger der Sechzger in den letzten Wochen. Allrounder Erik Tallig durfte nach zuletzt fünf Einsätzen in Folge von Beginn an diesmal nur auf der Bank Platz nehmen. Und brachte es doch fertig, von dort auf sich aufmerksam zu machen. Denn schnell wurde klar: Ohne den 22-Jährigen läuft wenig zusammen bei den Löwen – in der Offensive wie in der Rückwärtsbewegung. Tallig hat zurück zu alter Stärke gefunden. Damit hätte vor guten acht Monaten wohl niemand gerechnet.

Doch der Reihe nach: Im Juli 2020 kam mit Erik Tallig ein damals 20-jähriger offensiver Mittelfeldspieler aus Chemnitz an die Grünwalder Straße. Ein „Rohdiamant“, wie Löwen-Trainer Michael Köllner (52) ihn nannte. Sportchef Günther Gorenzel drückte es wie folgt aus: „Wir sind der Überzeugung, dass Erik das Potenzial mitbringt, unser Spiel im offensiven Mittelfeld in den nächsten Jahren mitzuprägen.“ Dadurch wolle man auch Talligs „Marktposition weiter steigern“.

Der Plan schien auch sofort aufzugehen, der Sachse Tallig absolvierte 37 von 38 Ligaspielen und war praktisch angekommen in München. In der vergangenen Hinrunde allerdings ein anderes Bild: Tallig stand nur noch sieben Mal in der Startelf, neunmal kam er als Joker. Zum Jahreswechsel sah es nicht so aus, als würde Tallig das Löwen-Spiel noch stark mitprägen.

Doch seitdem ging die Formkurve nach oben, sein Schnitt bei den Bewertungen verbesserte sich seit Januar um fast eine ganze Note auf 2,98. In dieser Saison ist Tallig folgerichtig so etwas wie der heimliche Star einer auf neun Positionen runderneuerten Mannschaft. Mit Martin Kobylanski, Albion Vrenezi, (dem noch verletzten) Marcel Bär oder Fynn Lakenmacher hat Tallig auffällige Drittliga-Koryphäen auf ihrem Gebiet an seiner Seite.

Doch wer genau hinsieht, stellt fest: Tallig ist eine Schlüsselfigur geworden. Wie gegen Verl, als er den verletzten Phillipp Steinhart ersetzte und bewies, dass er es auch links hinten kann. Oder eben wie am Samstag, als Köllner nach der schwachen ersten Halbzeit reagierte und Tallig brachte. Sofort war Zug im Spiel der Löwen, mit guter Übersicht und ohne Scheu vor Zweikämpfen hauchte Tallig dem Team Mut und Selbstbewusstsein ein. „Ich bin erwachsener geworden, das kann man so sagen. Ich habe mich gut angepasst an den Druck bei Sechzig und die Erwartungshaltung“, sagte Tallig schon nach dem 4:3-Sieg in Dresden. „Ich spiele einfach drauflos und habe Spaß.“ Man merkt es ihm an. Und ganz nebenbei macht Tallig wahr, was Gorenzel im Sommer ankündigt hatte: „Ich habe wirklich das Gefühl, dass es für ihn eine Bombensaison werden kann.“ Oder um es mit Köllner zu sagen: Der „Rohdiamant“ schleift sich selbst.

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