Max, der Außerirdische

von Redaktion

WM-Rennen praktisch gelaufen – für Verstappen geht es jetzt nur noch um Rekorde

Spa-Francorchamps – Max Verstappen stellt seine Gegner sogar dann kalt, wenn er es gar nicht beabsichtigt. Während seiner demoralisierenden Triumphfahrt in Spa von Startplatz 13 verfing sich ein Abreißvisier des Formel-1-Weltmeisters in der Bremsbelüftung des Ferrari von Charles Leclerc, der deswegen einen zusätzlichen Boxenstopp einlegen musste. Bitter für Leclerc, aber auf den Rennausgang an der Spitze hatte diese Episode nicht den geringsten Einfluss.

„Max hätte heute mit jeder Strategie von überall aus gewonnen“, sagte Mercedes-Ingenieur Andrew Shovlin. Ferrari-Pilot Carlos Sainz, zwölf Plätze vor Verstappen gestartet und im Ziel vom Niederländer um fast 27 Sekunden distanziert, sprach aus, was alle dachten: „Max war auf einem anderen Planeten.“ Die englische Boulevardzeitung „Sun“ forderte gar: „Lasst uns die Trophäe jetzt überreichen! Es hat keinen Sinn, die Sache in die Länge zu ziehen und auf das Ende der Saison zu warten.“

Die Konkurrenz kapituliert vor der Überlegenheit der Kombination Verstappen/Red Bull. Ein überragender Fahrer in einem überragenden Rennwagen, diese Konstellation sorgt für Staunen – und für Langeweile. Wie in grauer Vorzeit bei Juan Manuel Fangio, später dann bei Michael Schumacher, Sebastian Vettel oder Lewis Hamilton.

Die vergangene Saison, in der mit Hamilton und Verstappen zwei sagenhafte Fahrer in annähernd gleichstarken Autos bis zum letzten Kilometer um den WM-Titel kämpften, wirkt aus heutiger Perspektive wie eine verblasste Erinnerung an die gute alte Zeit.

Verstappen kann bei 93 Punkten Vorsprung auf seinen Teamkollegen Sergio Perez und 98 auf Leclerc in der heimischen Vitrine bereits Platz schaffen für seinen zweiten Weltmeisterpokal. Bei den letzten acht Grand Prix und einem Sprintrennen würden ihm jeweils dritte Plätze reichen, um den Titel aus eigener Kraft perfekt zu machen.

Dritte Plätze? Neun von 14 Rennen hat der 24-Jährige in diesem Jahr gewonnen. Konkurrenten gibt es nicht mehr. „Ferrari blutet aus“, schrieb die spanische As. Von nun an geht es für Verstappen um Rekorde. Wie die Marke von 13 Siegen in einer Saison, gehalten von Schumacher und Vettel – die in den Phasen ihrer erdrückenden Dominanz meist einsame Start-Ziel-Erfolge einfuhren. Verstappen gewann die letzten beiden Rennen mit erheblichem Handicap. In Ungarn startete er von Rang zehn, in Spa von 13.

„Ab jetzt ist alles ein Test. Bei den verbleibenden Rennen müssen wir üben und stechen“, sagte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff, der nach acht Konstrukteurstiteln in Serie Dominanz mal von der anderen Seite kennenlernt.

Nur Verstappen selbst denkt weiterhin im Kleinen, der Weltmeister schaut beharrlich von Rennen zu Rennen. Von Spa reist der Niederländer weiter zum Heimrennen in Zandvoort (Sonntag, 15.00 Uhr/RTL und Sky). Den souveränen Vorjahressieger erwartet eine XXL-Beachparty in Oranje. Verspürt er deshalb Euphorie? Nicht Verstappen: „Wir stellen das Auto auf die Strecke, und dann schauen wir, wie schnell wir sind.“  sid

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