In ist, wer drin ist. Was die Losung der hippen Münchner Gesellschaft für angesagte Lokalitäten war, galt 1972 auch für das Olympische Dorf. Es war das Zentrum, in dem das Leben der Olympischen Spiele pulsierte. Bis sich am 5. September Dramatisches zutrug. Danach war es auch schwieriger, reinzukommen.
Das Dorf war ein Faustpfand in der Münchner Bewerbung. Die Hauptsportstätten waren fußläufig erreichbar, die Unterkunft erschwinglich – auch für die weniger betuchten unter den Nationalen Olympischen Komitees aus über 120 Ländern. München verlangte pro Übernachtung mit Vollpension 6 US-Dollar. Die Planung sah ursprünglich 1800 Plätze für Frauen und 8200 für die Männer vor – vor fünfzig Jahren gab es noch eine strikte Trennung –, die 5000 Wohneinheiten in sehr unterschiedlichen Größen boten letztlich Platz für 12 000. Denn neben den Aktiven (etwas über 7000) mussten auch die Betreuer untergebracht werden.
Auf 86 Hektar Fläche entstand nach den Plänen eines Stuttgarter Architekturbüros eine kleine Stadt – die an einigen Stellen futuristisch wirkte: Sie war autofrei, der Zu- und Abfahrtsverkehr verlief unter den bis zu 20 Stockwerken hohen Häusern. Es gab Pools, Saunen, einen kleinen See, Läden, Cafeteria, Restaurants, Theater, eine Post, ein medizinisches Zentrum, in dem Olympia-Teilnehmer gratis eine Zahnbehandlung bekamen, die Kirchen waren vertreten, ebenso mit eigenen Shops die großen Sportausrüster Puma und Adidas.
Auch das Fernsehzentrum war dem Dorf angegliedert, sodass die Journalisten problemlos Zugang hatten. Die in Dirndl gewandeten Olympia-Hostessen und Polizisten in ihren blauen Uniformen kamen leicht rein, die Teilnehmer des Olympischen Jugendlagers waren willkommen. Klaus Dibiasi, italienischer Turmsprung-Olympiasieger aus Bozen, schleuste Bekannte ein: „Man gab ihnen einfach eine unserer Teamjacken – das war am sichersten.“ Auch die arabischen Attentäter wählten Sportkleidung, als sie in der Nacht des 5. September einstiegen. Über den Zaun. Das war nicht unüblich und wurde geduldet. Denn Teilnehmer, die ihre Wettkämpfe hinter sich hatten, genossen das Nachtleben in der Stadt.
Das Olympische Dorf hatte sogar einen eigenen Bürgermeister, den deutschen Sportfunktionär Dr. Walther Tröger. Athletinnen und Athleten, die während ihres Aufenthalts Geburtstag feierten, wurden in sein Büro eingeladen, erhielten Glückwünsche und Blumen.
Das multikulturelle Zusammenleben im Dorf ist traditionell eine der Hauptattraktionen bei Olympischen Spielen. Medaillen gewinnen die Wenigsten, das Motto „Dabeisein ist alles“ definiert sich nicht nur über die Wettkämpfe, sondern die Begegnungen drumherum: Dass man in der Kantine mit Menschen von anderen Kontinenten ins Gespräch kommt, dass der Nobody auf den Olympiasieger trifft. Shane Gould, der damals 15-jährigen australischen Schwimmerin, mit drei Goldmedaillen einer der Stars der Spiele, blieb von München eine Poolbillard-Partie mit einem Afrikaner in Erinnerung. Man fragte nicht nach Namen, Nation, Wettbewerben, Erfolgen – man begegnete sich einfach auf Augenhöhe und spielte. Und feierte: Als Shane Gould ihr sportliches Programm hinter sich hatte, stürtzte sie sich in eine Party mit amerikanischen Schwimmerinnen, die in wilden Tanzszenen auf einer der unterirdischen Straßen endete. Am 5. September, um 2 Uhr nachts – nahe des israelischen Blocks, wo bald Schüsse fielen.
„Das war doch ein Schuss. Als Jäger konnte ich das erkennen“, blickt der DDR-Ruderer Wolfgang Mager zurück. Die DDR war gegenüber der Connollystraße 31 untergebracht, wo palästinensische Attentäter eindrangen. Diese räumliche Nähe ist auch der Nährboden für die nicht endenden Spekulationen, die Stasi habe ihre Finger im Spiel gehabt, den „Schwarzen September“ logistisch unterstützt, um die Bundesrepublik mit einer Katastrophe bei den Olympischen Spielen vor der Weltöffentlichkeit vorzuführen. Auch der ostdeutsche Geheimdienst war in der DDR-Delegation vertreten – ebenso die Securitate in der rumänischen. Als der Volleyballer Stelian Moculescu sich absetzte, musste er einen Weg aus dem Dorf wählen, der nicht von seinen Landsleuten überwacht wurde.
Welche Mannschaft an welcher Stelle untergebracht wurde – das führte durchaus zu Diskussionen. Die großen Teams hatten kurze Wege zu den wichtigen Stellen des Dorfs, die kleinen fanden sich an den Rändern wieder, fühlten sich abgeschnitten.
Und noch eine Ungleichbehandlung gab es: In den Häusern der Männer waren Fernseher, in den Bungalows der Frauen nicht. Vom Drama des 5. September bekam die Welt draußen zwar alles mit, im Dorf jedoch blieben Informationen bruchstückhaft. Etliche Delegationen reisten am 5. September auch schon ab, manche überhastet.