„Wir werden eine andere Jule Niemeier erleben“

von Redaktion

Trainer Christopher Kas über wachsende Erwartungen, seine Philosophie – und einen prominenten Zaungast

München – Er trainiert eine der größten Deutschen Tennishoffnungen: Christopher Kas (42). Sein Schützling Jule Niemeier sorgte mit dem Viertelfinaleinzug in Wimbledon für Aufsehen, nun schlägt sie das erste Mal bei den US-Open auf. Ihr Coach hat mit unserer Zeitung über die Arbeit mit der 23-Jährigen gesprochen, die Erwartungen an sie und das Erstrundenmatch am Dienstag gegen Sofie Kenin.

Herr Kas, noch bevor die US Open überhaupt losgegangen sind, gab es letzte Woche schon ein Highlight: Rafael Nadal hat bei Ihrem Schützling Jule Niemeier im Training zugeschaut, wie man auf Instagram verfolgen konnte.

Ja, das stimmt, das war ein lustiger Moment. Ich kenne ihn ja aus meiner aktiven Zeit, wir verstehen uns sehr gut. Er hat vor Jule trainiert und dann noch ein bisschen nachgeschwitzt und ihr noch ein paar Minuten zugeschaut. Natürlich schon ein cooler Moment, den man gerne mitnimmt.

Und auch eine von vielen neuen Erfahrungen, die es für Jule Niemeier seit ihrem Wimbledon-Auftritt gab …

Ja, sie befindet sich aktuell in einem Lernprozess. Aber die Situation ist natürlich mental auch anspruchsvoll, jetzt zum ersten Grand-Slam-Turnier zu kommen, nach dem ersten ganz großen Erfolg bei Wimbledon.

Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit steigt und auch der Druck – wie groß ist der Anteil Ihrer Arbeit, darüber zu sprechen?

Sehr groß. Es geht da darum, über Wahrnehmung und über Gedanken zu sprechen, die ihr durch den Kopf gehen. Wir nehmen uns viel Zeit zu besprechen, warum das so ist und wie man damit umgeht. Aber das haben auch schon viele junge Spielerinnen und Spieler erlebt.

Vor diesem Hintergrund: was ist das Ziel für die US Open?

Wir gehen wirklich mit einer minimalen Erwartung an das Turnier ran. Wenn Jule in der ersten Runde knapp ausscheidet, kann das auch ein Erfolg sein. Dass sie jetzt wieder ins Viertelfinale kommt, davon gehen wir nicht aus. Wir gehen es so an wie vor Wimbledon. Das war ihr erster Rasen-Grand-Slam, jetzt ist es ihr erster Hartplatz-Grand-Slam. Ziel ist rauszufinden, was auf diesem Untergrund funktioniert und wie man gegen welche Spielerin spielen kann. In Wimbledon hat das sehr schnell geklappt. Selbst wenn es jetzt nicht auf Anhieb klappt, wird man viele Sachen mitnehmen. Und Erfahrungen zu sammeln und Dazulernen ist in dieser Phase am wichtigsten.

Ist es schwer, das einer Spielerin, die ja jetzt erfolgreich sein will, zu vermitteln?

Man muss eben die richtigen Worte finden und begreiflich machen, dass wir weg bleiben vom Ergebnisdenken. Ich weiß es ja noch selbst, wenn man im dritten Satz 7:6 gewinnt ist alles super, wenn man 6:7 verliert ist alles schlecht. Dabei sind es objektiv betrachtet nur ein paar wenige Punkte Unterschied.

Sie haben Ihre Karriere vor acht Jahren beendet, um damals Sabine Lisicki zu coachen. Wie viel vom Spieler Kas steckt noch im Trainer Kas?

Mmh, also ich ziehe schon noch Inspiration aus meiner Vergangenheit als Spieler. Ich coache so, wie ich gerne gecoacht geworden wäre. Dass heißt bei mir mit viel Kommunikation und spaßorientiert. Tennis hat viel mit Stress und Druck zu tun, wenn man wichtige Matches hat, das versuche ich im Training zu nehmen. Immer gelingt das nicht, aber dass es vielleicht in neun von zehn Einheiten geht, ist das Ziel. Aber allgemein habe ich mich natürlich auch weiterentwickelt als Trainer und dazugelernt.

Inwiefern?

Es ist ein Prozess, ich schaue zum Beispiel gerne über den Tellerrand hinaus, wie in anderen Sportarten trainiert wird. Außerdem wird man als Trainer auch empathischer. Als Sportler geht es vor allem um einen selbst, nun stehen die Athletinnen und Athleten im Vordergrund.

Zum Erstrundenmatch von Jule Niemeier: Es geht gegen die US-Amerikanerin Sofia Kenin – ein kompliziertes Los, auch wenn Kenin schon länger außer Form ist?

Ja, eine interessante und schwierige Aufgabe zugleich. Kenin hat 2020 die Australian Open gewonnen und fühlt sich auf Hartplatz sehr wohl. Sie wird auch das Publikum auf Ihrer Seite haben. Für Jule ein Matchup, bei dem sie viel lernen kann und absolut nichts zu verlieren hat. Und wenn Jule früh im Match ihren Rhythmus findet ist ihr gegen jede Gegnerin eine Überraschung zuzutrauen.

Die beiden letzten Turniere ist sie jeweils in der ersten Runde ausgeschieden.

Nach Wimbledon in Lausanne war sie dafür noch im Viertelfinale, das waren extrem wichtige Punkte, um hier in New York noch ins Hauptfeld zu kommen. Danach dachten wir uns dann, dass Hamburg schwierig wird, da die Wochen davor so intensiv waren, aber sie wollte sehr gerne spielen, da es ein deutsches Turnier ist. Das Turnier vorletzte Woche in der Bronx war gut, um nach der Hartplatz Vorbereitung Matchpraxis zu sammeln. Aber auf das Turnier haben wir bei der Trainingssteuerung nicht den Fokus gelegt, körperlich hatte sie da einige schwere Tage im Training hinter sich. Jetzt in New York werden wir eine andere Jule Niemeier erleben.

Interview: Thomas Jensen

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