Brazzo? „Brutaler Ehrgeiz, brutaler Mut“

von Redaktion

Thomas Hitzlsperger über Manager-Kollegen, seinen VfB-Abgang und Ratschläge für Katar

München – In der Allianz Arena wird Thomas Hitzlsperger an diesem Samstag (15.30 Uhr) nicht auf der Tribüne sitzen. Wenn „sein“ VfB Stuttgart beim FC Bayern gastiert, bevorzugt der 40-Jährige – bis März noch Sportvorstand bei den Schwaben – den Platz vor dem Fernseher. Er will sich auf den Fußball konzentrieren – und glaubt an die Chance des Außenseiters. Über dessen Philosophie und seine Zeit beim VfB spricht er im Interview.

Herr Hitzlsperger, Sie waren mal für eine Ausgabe Chefredakteur des Magazins „11 Freunde“ – welche Schlagzeile würden Sie gerne am Montag über das Spiel des VfB Stuttgart beim FC Bayern lesen?

(lacht) Das kommt drauf an, in welcher Zeitung.

In unserer natürlich.

Dann nehme ich: „0:4-Schlappe: Bayern chancenlos gegen überragenden VfB.“

Bislang ist Stuttgart noch sieglos. Hat man da selbst in München Druck?

Man weiß, dass man Außenseiter ist – trotzdem bleibt der Anspruch, das Maximum zu erreichen. Ich habe das Spiel der Bayern in Mailand gesehen. Die Mannschaft ist sehr gut – aber auch sie ist zu bezwingen. Außerdem hat es in der Rückrunde der vergangenen Saison zu einem Unentschieden gereicht. Der Punkt in München war wichtig für den Klassenerhalt.

Heuer prognostizieren Sie dem VfB einen oberen Platz in der zweiten Tabellenhälfte.

Dabei bleibe ich auch nach dem Saisonstart. Allerdings sollten sie nicht ins letzte Drittel rutschen. Wenn man dort zu lange verharrt, wird es sehr anstrengend – und das sollte man unbedingt vermeiden. Ich glaube aber daran, weil ich ausreichend Qualität sehe. Und weil inzwischen auch eine Kontinuität auf der Trainerposition herrscht, die vieles vereinfacht. Pellegrino Matarazzo ist seit fast drei Jahren im Amt – das ist eine neue Qualität für den VfB Stuttgart.

Dabei war der Stuttgarter Trainerstuhl lange ein echter Schleudersitz.

Die Statistiken bezüglich Trainerentlassungen führte der VfB lange Zeit an. Das verändert sich jetzt. Das ist auch enorm wichtig, denn der Anspruch war: der VfB braucht Kontinuität, verlässliche Abläufe, um eigene Spieler gut auszubilden. Das hat uns jetzt jahrelang angetrieben und passt einfach zur Identität des Clubs.

Von der Stuttgarter Kaderschmiede profitiert auch der FC Bayern.

Absolut. Gegen Inter waren einige davon auf dem Platz: Benjamin Pavard, Serge Gnabry, Joshua Kimmich, alle auf brutal hohem Niveau – das ist schon auch eine Auszeichnung. Es hat den VfB viele Jahre ausgezeichnet, aber irgendwann hat man diese Stärke eingebüßt. Deshalb war es mir damals wichtig, diesen Weg wieder einzuschlagen. Mehr Geld in den Nachwuchs zu stecken – und die Spieler besser ausbilden. Das ist die Zukunftssicherung. Aber man muss halt wissen, dass das nicht in sechs Monaten umzusetzen ist, sondern Zeit benötigt.

Ein großer Spieler ist weg. Ist der VfB ohne Sasa Kalajdzic so wie Bayern ohne Robert Lewandowski?

Beim VfB hat man mit Luca Pfeiffer den Weg gewählt, Kalajdzic eins zu eins zu ersetzen. Bei den Bayern geht man einen anderen Weg. Julian Nagelsmann kommt damit aber sicher genauso gut klar.

Müssen Sie über die Luxusprobleme manch- mal schmunzeln?

Natürlich habe ich in Stuttgart in ganz anderen Dimensionen gedacht, aber jeder Verein hat eben seine eigenen Themen. Für die Bayern ist die Bundesliga keine so große Belastung wie für andere Clubs. Aber sie haben ja auch den Anspruch, die beste Mannschaft in Europa zu sein. Deshalb denken Sie bei der Kaderplanung an den Champions–League- Sieg und nicht an den Klassenerhalt Bundesliga. Ich sage es mal so: Wenn der VfB im Viertelfinale gegen Villarreal rausfliegen würde, gäbe es nicht so viele enttäuschte Gesichter in Stuttgart wie zuletzt bei den Bayern-Anhängern (lacht).

Die logisch anschließende Frage nach der Langeweile in der Liga ist hinreichend beantwortet, oder?

Sie begleitet uns ja schon eine ganze Weile. Es hat sich aber nichts geändert. Es ist aus Bayern-Sicht nachvollziehbar, dass sie ihren Platz in der Champions League behaupten wollen und deswegen einen Kader unterhalten, der den anderen Clubs überlegen ist. Für die Bundesliga problematisch. Dennoch strömen die Menschen in die Stadien und wollen Fußball sehen. Das Spiel fasziniert nach wie vor.

Sie haben sich trotzdem aktuell zurückgezogen. Haben Sie mit etwas Abstand einen klaren Blick auf Ihre Funktionärszeit – und den Abgang?

Der VfB ist nach wie vor in meinem Herzen. Ich habe zehn Jahre meines Lebens beim VfB verbracht – das hat mich geprägt. Ich habe das Geschehene für mich analysiert. Was gut gelaufen ist, was weniger gut gelaufen ist. Es war für mich eine überragende Zeit, weil ich in jungen Jahren schon so viel erleben und gestalten durfte. Ich hatte immer wieder Menschen, die mich gefördert und mir etwas zugetraut haben. Und gleichzeitig habe ich anderen Menschen im Verein Verantwortung übertragen und Sie in ihrer Entwicklung unterstützt. Dafür bin ich sehr dankbar.

Muss man als junger Manager – wie auch Hasan Salihamidzic – in der Bundesliga durch ein Stahlbad gehen?

Das ist unterschiedlich. Simon Rolfes und Marcel Schäfer zum Beispiel wurden in ihren Clubs langsam herangeführt, das ist ein guter Weg. Aber es gibt halt auch Leute, die einfach ins kalte Wasser geworfen werden oder sich halt trauen, zu springen. Weil man es ihnen zutraut, weil sie robust sind. Hasan Salihamidzic hat Kritik einstecken müssen. Dass er diesen Sommer aber so gelobt wurde, freut mich. Man merkt, dass er viel aushalten kann, aber auch brutalen Ehrgeiz und Mut hat. Er trifft Entscheidungen, hält die Konsequenzen aus und jammert nicht.

Was ist in Stuttgart das konkrete Problem? Provinzdenken in einer Wirtschaftsmetropole?

Der Verein ist nach wie vor groß. Aber man hat in der wichtigen Phase, als national und international immer mehr Geld an die besten Clubs verteilt wurde, keinen Erfolg gehabt. Durch zwei Abstiege hat der VfB so viel Rückstand hinnehmen müssen, dass der Anschluss immer schwieriger wurde. Dazu kommt die Traditionsvereins-Debatte, die ich hautnah miterlebt habe. Ich finde sie gut, sie ist wichtig. Aber manchmal ist man in einem so großen Apparat wie in Stuttgart halt nicht so beweglich wie jetzt zum Beispiel Mainz oder Augsburg oder Freiburg, ganz zu schweigen von Vereinen, die ohnehin ganz anders subventioniert werden.

Das ist bei Schalke, in Bremen und Hamburg ähnlich gelagert, oder?

Das kann man so sagen. Diese Clubs ähneln sich in ihrer Struktur und haben viele Vorzüge, aber nicht nur. Talente und vor allem deren Berater sind heutzutage viel pragmatischer in ihrer Entscheidung und wählen nicht nur nach Größe und Historie. Manch einer sagt sich: In Hoffenheim kann ich mich gut entwickeln und den nächsten Schritt machen. Nur eins ist auch klar: Wenn es bei einem Verein wie dem VfB läuft – wie beim Klassenerhalt am letzten Spieltag –, dann dreht die ganze Stadt durch.

Ist das unruhige Umfeld mit dem beim FC Bayern zu vergleichen?

Das ist ein wenig anders gelagert. Aber es nehmen schon rund um den VfB viele Menschen teil. Das ist schön, weil der Verein bewegt – und mir deutlich lieber, als wenn die Menschen sich abwenden würden. Im Erfolgsfall ist das ein Traum, bei Misserfolg tut es aber richtig weh.

Matarazzo wirkt da vergleichsweise ruhig. Sie gelten als großer Fan des Trainers.

Er vereint vieles, das ich mir unter einem guten Trainer vorstelle. Die fachliche Kompetenz, aber auch die menschliche. Er analysiert gut, ist umgänglich, reflektiert, weiß aber, wann er auch mal dazwischenhauen muss. Ich bin sehr froh darüber, dass wir in meiner Zeit auch in schwierigen Phasen an ihm festgehalten haben.

Ist er ein Mini-Nagelsmann?

Er hat schon seine eigene Handschrift, aber sie haben zusammengearbeitet und somit gibt es Parallelen. Julian ist außergewöhnlich, weil er den Fußball in so jungen Jahren schon so gut analysiert, immer neue Lösungen findet, kreativ ist. Das sieht man jetzt auch nach dem Lewandowski-Abgang. Es ist halt eine neue Aufgabe und kein Grund zum Lamentieren.

Apropos neue Aufgabe: Wie ist es gemeint, wenn Sie sagen, Sie stehen dem VfB zur Verfügung, wenn wieder Platz ist?

Ich möchte zum Ausdruck bringen, dass ich immer eine Verbindung zum VfB habe. Man sollte nie etwas ausschließen, aber aktuell geht es mir mit ein wenig Abstand vom Tagesgeschäft Profifußball gut.

Reizt Sie das Ausland?

Ein Engagement im Ausland kann ich mir gut vorstellen, fand es immer interessant, neue Erfahrungen zu sammeln. Man lernt nicht nur über Fußball, sondern auch über Sprache und Kultur. Ich beschäftige mich mit der gesellschaftspolitischen Seite. Das gilt aberin Deutschland und im Ausland.

Sind Sie in Ihrer Rolle als DFB-Botschafter für Vielfalt mit Blick auf die WM in Katar mehr eingespannt?

Ich merke, dass die WM bereits jetzt für sehr viel Gesprächsstoff sorgt. So viele Anfragen wie momentan hatte ich selten. Und ich möchte mir auch in Kürze ein Bild vor Ort machen.

Wie politisch darf Fußball sein?

Fußball und Politik sind eng miteinander verbunden, schon seit vielen Jahrzehnten. Spieler können das für sich nutzen, wenn Sie eine klare Haltung haben und auf Missstände aufmerksam machen. Spieler und Berater wissen immer mehr, dies für ihre Zwecke einzusetzen. Die Verantwortung für gesellschaftspolitische Themen ist im Fußball in den letzten Jahren deutlich gestiegen.

Und das ist gut so?

Ich finde es super, wenn Spieler ihre Position für eine gute Botschaft nutzen. In Bezug auf Katar geht es zuallererst um Menschenrechte. Das Wichtigste überhaupt. Spieler können ihren Einfluss geltend machen, allerdings sollten sie sich darüber informieren, ehe sie sich äußern.

Sie haben den DFB-Spielern zuletzt geraten, auch mal nein zu sagen, wenn sie zu einem Thema nichts sagen wollen.

Ich heiße es gut, wenn Spieler mehr tun, als nur Fußballspielen, denn sie sind Vorbilder für so viele Menschen. Leon Goretzka zum Beispiel setzt sich seit mehreren Jahren glaubwürdig gegen Antisemitismus ein. Da kann er nicht auch noch ausführlich über Klimawandel, Krieg und andere Themen sprechen. Da muss man den Mut haben, zu sagen: Fragt bitte jemand anderen!

Interview: Hanna Raif

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