Ausschreitungen in Nizza

Die Kurven müssen sich regulieren

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Mit vielen anderen zu einem Fußballspiel ins Ausland zu fahren, das kann ein gigantisches Gemeinschaftserlebnis sein, ein Weißt-du-Noch für immer? Eintracht Frankfurt hat dank der daraus entstehenden Energie die Europa League gewonnen. Wer dabei war, wird aus dem Erzählen nicht mehr herauskommen, und wer nicht dabei war, wünscht sich, er oder sie wäre es gewesen. Fußball kann eine gewaltige Kraft entfalten.

Allerdings auch eine gewalttätige. Das Fan-Umfeld des 1. FC Köln hat erlebt, wie es gekippt ist. Nizza hätte werden können, was für Frankfurt Barcelona war, der Tag fing gut an, doch endete im Desaster. Die Bilder der Schlachten auf den Rängen werden nachwirken, die UEFA wird sich nicht anders zu helfen wissen, als eine Strafe auszusprechen, die dann halt auch die unbeteiligte Mehrheit treffen wird. Was die Empörungsspirale in Gang hält.

Die in den sozialen Medien sofort einsetzenden Zuweisungen an Schuld, wer angefangen habe, ob Nizza- oder Köln-Fans, ob noch vor dem Stadion oder erst drinnen, dienen nur dazu, die Diskussion zu verschleiern. Manche der in Nizza auflaufenden Gestalten erweckten den Anschein, auf den Anlass zur Eskalation nur gewartet zu haben und die Sturmhauben überziehen zu können. Dass auch Schläger aus Paris angereist waren, spricht dafür, dass Nizza auserwählt worden war, Krieg zu spielen. In Zeiten, in denen ein echter Krieg die Welt in Atem hält, darf man das für richtig abscheulich halten – jetzt ist es eben mehr als testosterongetriebene Folklore,

Für die Szene der aktiven Fans ist das verheerend. Es heißt pauschal „Die Ultras mal wieder“. Ultras sind keine homogene Truppe, doch offensichtlich ist, dass es Schnittmengen mit Hooligans gibt. Das lässt einen einmal mehr rätseln: Ist der hilfsbereite junge Mann, der in der Corona-Zeit für ältere Mitmenschen einkaufen ging, derselbe, der im Stadion bereit ist, im Fan anderer Couleur ein Ziel für seinen Feuerwerkskörper zu sehen? Oder gibt es eben die einen – und die anderen?

Keine Frage: In den Kurven werden gute Werte vertreten, oft wird die politische Selbstregulierung von Fan-Gruppen, die das Eindringen von Neo-Rechten verhindere, als beispielgebend genannt. Doch wenn die proklamierten Werte wirklich wichtig sind, muss man sie verteidigen und diejenigen Mit-Fans ausschließen, die sie nicht teilen. Männerbündlerisches Decken der Täter führt dazu, dass Stadien öfter leer bleiben. An den Fans liegt es mehr als an allen anderen, das zu verhindern.

Guenter.Klein@ovb.net

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