München – Die Entwarnung hatte Joshua Kimmich in der italienischen Sommernacht selbst gegeben. Zwar sah das rechte Auge des 27-Jährigen nach einem Zusammenprall beim 2:0 des FC Bayern in Mailand nicht gut aus, bis Samstag aber, rief er auf dem Weg zum Bus, sei er wieder fit. Ein Veilchen ist jetzt nichts, das einen Mann wie Kimmich aus der Bahn wirft. Nicht mal, wenn es, wie Julian Nagelsmann verriet, seit Mittwoch eine interessante Musterung angenommen hat. „Das Auge hat viele Farben, er hat aber den Durchblick wiedergefunden“, sagte der Coach vor dem Heimspiel an diesem Samstag (15.30 Uhr) gegen den VfB Stuttgart.
Womöglich wird Kimmich im Spiel gegen seinen Ex-Klub ulkig aussehen, auf den Regisseur zu verzichten, war aber für Nagelsmann keine Option. Wenn es um die Besetzung der Sechserpositionen geht, wird seit Wochen über drei andere Kandidaten geredet, weil klar ist, dass der Taktgeber im Mittelfeld gesetzt ist. Gegen Stuttgart läuft Kimmich nun neben Leon Goretzka auf, der nach drei Joker-Einsätzen zurück in die Startelf drängt. Nagelsmann ist auch voll des Lobes für Marcel Sabitzer und Ryan Gravenberch, hat für das Trio aber nur einen Platz: jenen neben Kimmich.
„Er hat eine tragende Rolle, hat viele Ballaktionen und ist defensiv sehr wichtig“, sagt der Trainer. Im Hinterkopf aber hat Nagelsmann freilich auch noch die Szenen aus Mailand, in denen Kimmich vor allem offensiv für Furore gesorgt hatte. Beim Auftakt in der Königsklasse war der Nationalspieler der Motor, warf sich in die Bälle, suchte immer wieder den Abschluss und trieb das Team an. Sein Chipball auf Leroy Sané leitete nicht nur das 1:0 ein, sondern verdiente das Prädikat weltklasse. Nagelsmann aber kündigt an: „Er ist jetzt schon besser, als er bei mir schon war. Und er wird noch besser werden.“
Die Statistik gibt ihm Recht. Zwei Tore und zwei Assists sind für Kimmich aus den ersten fünf Liga-Spielen verzeichnet, Höchstwerte sind seine Torschussvorlagen (18) sowie Pässe bzw. Flanken in den Strafraum (68). Das liegt laut Nagelsmann vor allem daran, dass Kimmich im Vergleich zur Vorsaison aktuell eine „sehr gute Offensiv-Position“ habe und nicht mehr allzu tief stehe. Natürlich aber ist auch dem Coach nicht entgangen, dass die von einer Corona-Erkrankung unterbrochene und einer Dauer-Impfdebatte begleitete Spielzeit 2021/22 selbst bei Muster-Profi Kimmich ihre Spuren hinterlassen hat.
„Die letzte Saison würde ich total ausklammern“, sagte der 35-Jährige. Für all die Nebengeräusche, die auf Kimmich eingeprasselt seien, habe er sich sogar „gut“ geschlagen: „Andere hätten das schlechter verkraftet.“ Selten hat man den dreifachen Familienvater so nachdenklich gesehen, zerknirscht, gesundheitlich zwischendurch ausgelaugt. Es hat gedauert, wieder auf die Beine zu kommen, körperlich wie mental. Jetzt aber wirkt Kimmich wieder unerschütterlich.
Trotzdem gibt es „Elemente, die er verbessern kann“, sagt Nagelsmann, er liebt diesen „ehrgeizigen Spieler“. Dass Kimmich besonders akribisch ist, war schon zu Nachwuchszeiten beim VfB bekannt; seine Mitspieler beim FC Bayern füttert er regelmäßig mit motivierenden Whatsapp-Nachrichten. Da ist er manchmal einer, der nerven kann – aber das will er auch. Im Stile eines (baldigen) Kapitäns. Er hat den Durchblick, auf allen Ebenen.