Mit Krawatte gegen Barca

von Redaktion

2:2 gegen Stuttgart macht Bayern zornig: „Müssen drei Gänge hochschalten“

VON HANNA RAIF UND PHILIPP KESSLER

München – Bei den Spielern des FC Bayern kam am Samstagabend einiges dazwischen. Joshua Kimmich etwa musste schnell nach Hause, Zitat: „Heute spreche ich nicht.“ Manuel Neuer hatte einen Termin in den exklusiven Logen-Bereichen der Allianz Arena, Zitat: „Ich muss nach oben und dann zum Bus.“ Und auch fast alle anderen schafften es aus dem Stadion, ohne das 2:2 gegen den VfB Stuttgart – das dritte Bundesliga-Remis in Folge – zu kommentieren. Am Ende dieses Tages, an dem beim Rekordmeister ein Hauch von Krise wehte, blieb dann halt ein Satz im Gedächtnis, der stellvertretend für alle galt. Er stammte von Thomas Müller und lautete: „Heute bin ich sauer – auf uns selbst!“

Dieser Ärger hatte sich auch noch nicht gelegt, als Julian Nagelsmann sein Team am Sonntag versammelte, um das Geschehene aufzuarbeiten – und vor allem den Blick auf morgen zu richten, wo im FC Barcelona ein anderer Gegner gastiert als der VfB. Um 9.15 Uhr hatte der Trainer zur Analyse gebeten, Anschauungsmaterial gab es genug. Zwei jugendlich frischen Toren von Mathys Tel (36.) und Jamal Musiala (60.) stand eine letzte halbe Stunde gegenüber, in der nicht nur Nagelsmann „zu wenig Gier“ gesehen hatte. Der Elfmeter-Ausgleich in der Nachspielzeit durch Serhou Guirassy war verdient, mit Blick auf ein durch den VAR aberkanntes Tor (umstritten!) hätte er für die Bayern sogar noch schlimmer ausgehen können. Aber auch so steht nach sechs Spielen der schlechteste Liga-Start seit zwölf Jahren. Und die Gewissheit, dass man gegen Barca „drei Gänge höher schalten muss“ (Hasan Salihamdzic).

Dass der Sprung an die Tabellenspitze am Samstag kurioserweise trotzdem vorübergehend gelang, interessierte niemanden. „Wir müssen uns an der eigenen Nase fassen – und zwar jeder Einzelne“, schnaubte Müller. Er selbst sah in der letzten halben Stunde von der Bank aus, wie seine Kollegen nicht das umsetzten, was gegen die unermüdlichen Gäste vonnöten gewesen wäre: „Wenn wir jedes Spiel gewinnen wollen, müssen wir die letzten zehn Minuten bis ans Letzte gehen und gallig bleiben. Englische Wochen hin oder her. Highlight-Spiel unter der Woche hin und her.“ Das Problem, das eine Sandwich-Partie zwischen Knallern gegen Inter und Barcelona mit sich bringt, sprach der 32-Jährige damit auch gleich an. Als Ausrede zählt es freilich nicht. Auch nicht, dass Nagelsmann seine Startelf im Vergleich zum 2:0 bei Inter auf sechs Positionen veränderte. „Das hatte ich ihm auch gesagt, dass ich lieber einmal Unentschieden spiele, anstatt schlechte Stimmung in der Mannschaft zu haben“, erklärte Salihamidzic im Doppelpass bei Sport1.

Von „mindestens vier Punkten zu wenig“ aus den Spielen gegen Gladbach (1:1), Union (1:1) und nun Stuttgart erzählte Salihamidzic, der die Mechanismen der Branche kennt. Wenn ein Bayern-Trainer erstmals seit Niko Kovac im Jahr 2018 drei Mal sieglos vom Bundesliga-Feld kommt, darf man von Mini-Krise sprechen. Nagelsmann will von Druck zwar nichts wissen, denn der sei „immer subjektiv und kommt von außen“. Er dürfte aber ahnen, dass das Duell mit Barcelona mehr ist als ein bloßes zweites Gruppenspiel in der Champions League. Es wird auch für ihn ungemütlicher werden, wenn es schiefgeht.

„Wir sind jetzt gewarnt“, sagte Salihamidzic, für Barca forderte der Sportvorstand mehr „Bewegung, Intensität und diese Energie, die wir normalerweise auf den Platz bringen“. All das wird im Duell mit Robert Lewandowski auch vonnöten sein (Randnotiz: der Pole traf am Samstag erneut). Knapp drei Tage blieben ab Abpfiff, um „gute Ideen zu entwickeln für Barca – was schwer wird“, sagte Nagelsmann. Immerhin versicherte er: „Ich gehe die Woche genauso an, wie wenn wir 4:0 gewonnen hätten.“

Sein Ton und der Gesichtsausdruck passten nicht zu dieser Aussage. Er gab sich ruhig, auch ihm sah man aber an, was nur Müller aussprach: „Ich habe eine Riesen-Krawatte heute.“

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