„Die Identität ist zurück“

von Redaktion

Legende Stoitschkow über die Anfänge unter Cruyff und das neue Barcelona

Bevor er unserer Zeitung Rede und Antwort steht, wartet Hristo Stoitschkow (56) mit einer Bitte auf. „Richten Sie meinem alten Freund Icke Häßler bitte meine besten Wünsche aus“, so die bulgarische Fußballlegende über den gesundheitlich angeschlagenen Weltmeister von 1990. „Ich hoffe, dass er sich so schnell wie möglich erholt und schon bald wieder lachen kann.“ Dann geht es um sein Barça, die Bayern und einen Ausländer, wie er es damals bei seiner Ankunft im Camp Nou selbst war. Das Interview mit El Pistolero, der die Geburt des großen Barcelona hautnah mitgestaltete.

Herr Stoitschkow, lassen Sie uns über Johan Cruyff reden.

Das Fundament eines Hauses zu errichten, ist stets ein äußerst schwieriges Unterfangen. Johan wusste damals genau, wohin welcher Stein in Barcelona hingehörte. Ich schätze mich glücklich und stolz, damals unter ihm auch meinen Beitrag zu den vier Meistertiteln in Folge sowie unserem ersten Landesmeisterpokal beigetragen zu haben. Pep, Messi und alles, was danach kam, wäre ohne Johan nicht möglich gewesen. Möge er in Frieden ruhen.

Der FC Barcelona scheint derweil aus seiner eigenen Asche wiederaufzuerstehen.

Diesen Sommer wurde auch überragende Arbeit geleistet. Es steht wieder eine Mannschaft mit Identität auf dem Platz. Jeder will den Ball haben, das Pressing findet vorne statt, sämtliche Rädchen greifen wieder ineinander.

Nicht so wie beim 2:8 gegen die Bayern.

Auch wenn das Resultat zerstörerisch anmutet, waren es letztlich Details, die dazu geführt haben. Beim Stand von 1:1 hatte Busquets eine Riesenchance, erinnern Sie sich? Wäre Barcelona in Führung gegangen, hätte es dieses Ergebnis nicht gegeben. Unmittelbar danach schlug Bayern innerhalb von zehn Minuten dreimal zu, Barça war unter Schock, die Dinge nahmen ihren Lauf.

Die Ergebnisse zu Beginn der aktuellen Saison sprechen auch eine deutliche Sprache – für Barcelona.

Ergebnisse interessieren mich nur bedingt. Ich messe vielmehr dem Bedeutung zu, was ich auf dem Platz sehe. Und dort sehe ich, dass Dembélé aufgewacht zu sein scheint. Dass Raphinha nur so trotz vor Spielfreude. Und dass Lewandowski stets richtig steht. Übrigens: Was für ein hervorragender Typ!

So? Warum?

Ich befand mich zu Arbeitszwecken im Hotel, als er im Sommer in Miami zur Mannschaft stieß. Darauf teilte der Pressechef Robert mit, dass ich da sei, worauf er mich treffen wollte. Es war wirklich ein Genuss, ihn persönlich kennenzulernen. Er hat einen ungemein sympathischen Eindruck hinterlassen. Und das ist für mich viel mehr wert als all die Tore. In mir hat Robert Lewandowski einen Freund fürs Leben.

Darf man fragen, über was Sie sich ausgetauscht haben?

Ich habe ihm erklärt, dass er nun bei dem Klub spielt, den ich liebe. Ich habe ihm versichert, dass er viel Spaß haben und die Leute ihn verehren werden – aber auch, dass wir zwei Ausländer sind und er so wie ich damals für das Trikot kämpfen muss.

In München ist nicht mehr so viel mit Liebe.

Hier muss ich widersprechen.

Bitte?

In Miami fand das Testspiel zwischen Barça und Bayern statt. Also habe ich auch beim Hotel des FCB vorbeigeschaut und mich dort unter anderem mit Neuer, de Ligt, Hernández, Musiala und Davies unterhalten. Als die Rede auf Lewa kam, hatte der Eine oder Andere glasige Augen. Sie verehren ihn. Und soll ich Ihnen mal etwas sagen?

Gerne!

So, wie ich den FC Bayern kenne, bin ich mir sicher, dass dieser großartige Klub erneut unter Beweis stellen wird, dass er einzigartig ist und über allem anderen steht. Ich gehe jede Wette ein, dass die Fans Robert mit so viel Applaus empfangen werden, dass er selbst überrascht sein wird. Und wenn Pfiffe dabei sind, dann nicht, weil die Fans ihn nicht mögen, sondern weil er schlicht das – aus ihrer Sicht – falsche Trikot trägt. (lacht)

Was gibt er Barcelona?

Barça hat stets einer klaren Neun bedurft. Meine Wenigkeit, Salinas, Goikoetxea, Begiristain, Romario, Kluivert, später Villa, Alexis, Eto’o. Robert ist auch ein Torgarant, in meinen Augen aber auch noch viel mehr. Er leistet unglaubliche Arbeit für die gesamte Mannschaft, schafft Räume für seine Mitspieler. Diese Facette des Spiels beherrscht übrigens auch Thomas Müller, weshalb ich ihn nach wie vor für einzigartig halte. Auch mit Blick auf Talente wie Musiala, der so viel von ihm lernen wird auf dem Weg zu einem der Besten in Europas, der er schon ist.

Woher rühren Ihre warmen Worte für die Bayern?

Aus meinen Erfahrungen mit den Menschen, die ein Teil von ihm sind oder waren. Beckenbauer, Rummenigge, Matthäus – ich habe sie als exzellente Spieler, vor allem aber als Gentlemen in Erinnerung behalten. Für sie stand – und steht – die Freundschaft stets über der Rivalität. Das imponiert mir.

Interview: José Carlos Menzel López

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