Lewandowskis Rückkehr

Vollprofi ohne Emotionen

von Redaktion

HANNA RAIF

Die Geschichte von Mario Götze wirkt heute, bald ein Jahrzehnt später, wie aus einer anderen Zeit. Als der heutige Frankfurter im November 2013 zum ersten Mal mit dem FC Bayern beim BVB auflief, musste er sich im Kabinengang aufwärmen. So konnte man den verlorenen Dortmunder Sohn wenigstens bis zu seiner Einwechslung vor den Pfiffen schützen, die später bei jedem seiner Ballkontakte durchs Stadion hallten. Manch ein Fußballer muss beim ersten Aufeinandertreffen mit dem „Ex“ eine dicke Haut haben. Götze hatte sie nur bedingt – und Robert Lewandowski?

Auch der Pole, der heute Abend mit dem FC Barcelona in der Allianz Arena gastiert, hat eine Rückkehr an alte Wirkungsstätte schon erlebt. Zwar lief sein erstes Bayern-Spiel in Dortmund nicht nach Plan (Niederlage, kein Tor), trotzdem war es kein Ereignis, das in der Chronik seiner Karriere besonderer Erwähnung bedarf. Natürlich haben ihn die Dortmunder mit Blick auf seine Torquote nicht gerne in Richtung München ziehen lassen. Genau wie in den acht Jahren danach an der Säbener Straße hat er in Westfalen die Herzen aber nicht als Publikumsliebling erobert, sondern höchstens als Erfolgsgarant. Die BVB-Fans gingen aus gutem Grund milde mit ihm um.

Heute Abend im Flutlicht werden ähnliche Gefühle mitschwingen. Es wird Pfiffe geben von all denjenigen, bei denen die Erinnerung an Lewandowskis Verdienste von jener an seinen erzwungenen Abgang überlagert wird. Der Rückkehrer im Barca-Trikot aber wird das abkönnen, weil er ist, wie er ist. Ein Vollblut-Profi, durchgeplant von Ernährung bis Karriereziel – aber mit wenig Blick für andere. Den FC Bayern nach acht Jahren und 344 Toren nicht als absolute Identifikationsfigur zu verlassen, muss man erst mal schaffen.

Es ist richtig, mit Blick auf heute Abend an Fairness zu appellieren. Lewandowski wird auf und neben dem Platz polarisieren, die Geschichte dieses Spiels schreiben – egal, wie es ausgeht. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Debatte über seine Person nicht vor dem Bayern-Tor entschieden wird – sondern auf der anderen Seite. Die Defensive des Rekordmeisters soll ihn stoppen, die Offensive aber steht in der Pflicht. Einen besseren Zeitpunkt zu beweisen, dass man wirklich ohne echte Neun auskommt, kann es nicht geben. Herrliche Dramaturgie für diesen Abend – den Mario Götze verpassen wird. Er spielt parallel mit Frankfurt in Marseille.

hanna.raif@ovb.net

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