„Dicke Eier“, lange Bälle und ein Torwart, der aufdreht

von Redaktion

Wie es dem FC Augsburg gelang, die Bayern zu überraschen – Gikiewicz über seine Vertragssituation

Augsburg – Was reden Fußballer gegnerischer Mannschaften eigentlich so miteinander, wenn sie sich nach Schlusspfiff begegnen? „Musstest du den halten?“, fragte Bayern-Torhüter Manuel Neuer den Augsburger Keeper Rafal Gikiewicz, der in letzter Minute seinen Verzweiflungs-Kopfball weggeboxt hatte. Gikiewicz sagte: „Ja.“ Dann ging es ums Trikot: Gikiewicz will schon lange eines von Neuer, wieder aber kam ihm Kollege Florian Niederlechner zuvor. „Aber Manu hat versprochen: Er schickt mir die nächsten Tage eines.“

Sucht man einen Mann des Tages zur 1:0-Sensation des FC Augsburg über den FC Bayern, kommt man an dem fabelhaften Torwart nicht vorbei – wie zuvor Sadio Mané und Leroy Sané, als sie allein auf ihn zuliefen. Doch es war auch „eine Wahnsinnsleistung der gesamten Mannschaft“, so betonte es Sport-Geschäftsführer Stefan Reuter. Plus: Auch der Trainer punktete. Enrico Maaßen zeigte – und das ist der Originalton des stets plakativ sprechenden Gikiewicz – „richtig dicke Eier“. Denn der 38-Jährige ließ wie schon beim 1:0-Sieg die Woche davor in Bremen vier Stürmer auflaufen: Mergim Berisha, Ermedin Demirovic, Florian Niederlechner, Andre Hahn. Gikiewicz: „70 Prozent der Bundesliga-Trainer wollen gegen Bayern tief stehen, den Bus parken und hin- und herschieben.“ Maaßen sagte: „Wir sind hohes Risiko gegangen.“

Er hatte zu seiner Mannschaft gesagt: „Wir können uns hinten rein stellen, 0:1 oder 0:2 verlieren und gut ausschauen. Wir können aber so spielen, dass wir eine Chance haben, zu gewinnen – oder 0:5 zu verlieren. Denn oft genügt eine Aktion der Bayern, um den Gegner auszuhebeln.“ In der letzten halben Stunde brachte der FCA zwar wenig Entlastung zustande, doch bis dahin gab es immer wieder Momente, in denen er nach vorne preschte, mit langen Bällen gute Szenen einleitete. Stefan Reuter: „So viele Chancen hatten wir gegen Bayern noch nie.“ Augsburg lieferte die Vorlage, wie ein Underdog dem vermögendsten Team der Liga begegnen muss: Leidenschaft, Eins-gegen-eins-Duelle über den ganzen Platz, eine letzte Linie, die sich in alle Bälle wirft. Routinier Andre Hahn sagte ergriffen: „So habe ich den FCA kennen und lieben gelernt.“

Es war eine leichte Abkehr vom Vorsatz des gepflegteren Spiels. Maaßen räumt ein, nach vier Niederlagen in den ersten fünf Spielen „ein paar Schrauben gedreht“ zu haben. „Man kann seine Idee nicht immer zu hundert Prozent durchziehen.“ Sie bleibe in den Grundzügen aber bestehen.

Der nachverpflichtete Mergim Berisha (Maaßen: „Er wirkt hart und unnahbar, ist aber ein sensibler Typ“) hat die Offensivoptionen erweitert – und hinten steht Rafal Gikiewicz. In seinem letzten Vertragsjahr. Die Fans wollen ihn behalten, „aber Zuschauer können mir keinen neuen Vertrag geben. Vielleicht war es mein letztes Heimspiel gegen Bayern. Ich bin nur ein kleiner Spieler.“ Was meint Stefan Reuter? Jetzt sei nicht der Zeitpunkt für Vertragsgespräche, sondern „um zu genießen“. GÜNTER KLEIN

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