Wann wackelt Nagelsmann?

von Redaktion

Bayern-Vorstandsboss Oliver Kahn stärkt dem Trainer den Rücken

VON JOSÈ CARLOS MENZL LÓPEZ

München – Dabei hatte sich Julian Nagelsmann so gefreut auf das Gastspiel in Augsburg. „Es ist immer schön, wenn man nah der Heimat Fußballspiele hat“, so der gebürtige Landsberger noch am Freitag. „Meine Mama, meine Schwester und meine Lebensgefährtin kommen auch.“ Was sie in der WWK-Arena erlebten, war einer der skurrilsten Auftritte des Trainers seit seinem Amtsantritt an der Säbener Straße. Einer, der nicht nur tief in sein Seelenleben blicken lässt, sondern auch in das der Verantwortlichen, die sich auf der Tribüne schwarzärgerten. Insbesondere das Gesicht des Vorstandsvorsitzenden Oliver Kahn sprach Bände und führt unweigerlich zu einer Frage, die sich nicht nur die Fans angesichts der dramatischen Lage langsam, aber sicher stellen: Wann wackelt Nagelsmann?

Vorerst nicht, so stellte es Kahn höchstpersönlich gestern am Rande des Wiesn-Besuchs klar, als er auf den derzeit vereinslosen Thomas Tuchel angesprochen wurde. „Wir beschäftigen uns jetzt nicht mit irgendwelchen anderen Trainern, wir sind von Julian total überzeugt“, unterstrich der Titan. Die Nagelsmann-Show beim FCA dürfte aber auch ihn – sogar schon vor Anpfiff – nachdenklich gestimmt haben. Nagelsmann blickte während des Aufwärmprogramms auf sein Tab-let, lachte sich schlapp. Bei Sky erklärte er: „Ich habe mir die Aufstellungen bei den anderen Spielen angeschaut.“ Was genau er so lustig fand, klärte er nicht auf. Nagelsmann, der laut Bild eine Klausel im Vertrag (bis 2026, Jahresgehalt acht bis neun Millionen Euro) hat, nach der eine mögliche Abfindung bei Freistellung erst ab dem dritten Vertragsjahr gestaffelt festgeschrieben (vorher frei verhandelbar), war gut 90 Minuten später schon nicht mehr so heiter. Bei der Pressekonferenz reagierte er pampig auf Fragen, beantwortete sie einsilbig, blickte gedankenversunken ins Leere. Er scheute auch nicht davor zurück, seine Spieler öffentlich bloßzustellen, attestierte ihnen eine „Laissez-faire“-Einstellung.

Überraschend: Nagelsmann war sich angesichts des Besuchs auf dem Oktoberfest auch nicht für Kritik an der Vereinsführung zu schade. „Wenn die Mannschaft hingeht, dann muss ich mit“, gab er zu. Recht viel Sinn sehe er darin allerdings nicht, „das werde ich auch dem Klub mitteilen“, so der Trainer in Richtung von Kahn & Co. Welche vertraglichen Verpflichtungen dahinterstecken, wisse er nicht, aber „grundsätzlich habe ich keine Lust“. Zu politischen Themen wolle er sich aber nicht äußern. Zur Erinnerung: Im Interview mit unserer Zeitung hatte Ex-Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge gesagt: „Schuster, bleib bei deinen Leisten. Julian sollte keine politischen Aussagen machen – das ist Aufgabe von Oliver Kahn und Herbert Hainer.“

Sportvorstand Hasan Salihamidzic zur Lage: „Wir müssen das nächste Spiel gewinnen. Wir sind jetzt alle gefragt, nicht nur Julian Nagelsmann.“ Aber auch. Zwei Wochen hat er nun Zeit, um sich seine Gedanken zu machen. Und zu verhindern, dass sich die Bosse doch tiefgreifendere Gedanken um ihn und seinen Job machen.

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