England im Panikmodus

von Redaktion

Three-Lions-Trainer Southgate bang nach Negativserie um seinen Job

VON GÜNTER KLEIN

London – England ist noch nicht wieder ganz bei sich. Der Tod der Königin wirkt nach, allerorts sind Zeichen der Trauer angebracht, selbst in den Schaufenstern der Büros, die unerschwingliche Immobilien anbieten, dominieren Bilder von Queen Elizabeth die Optik. Noch ziemlich verhalten stellen die Souvenir-Ramschläden um auf zweifelhafte Erinnerungsstücke wie den Her-Majesty-Juteeinkaufsbeutel. Das Königreich bräuchte etwas, wovon es aus seiner Starre geholt wird. Fußball wäre passend. Doch die wichtigste Mannschaft des Landes bleibt alles schuldig. Die „Three Lions“, vor gut einem Jahr fast noch Europameister geworden, haben die nachfolgende Nations League komplett vermasselt. Nach dem 0:1 gegen Italien in Mailand ist der letzte Platz in der Gruppe unabwendbar und der Abstieg besiegelt. Doch es steht am heutigen Montag (20.45 Uhr MESZ) ja noch das Spiel gegen Deutschland an. Sogar die der Panikmache unverdächtige „Times“ ernennt es zum wichtigsten seit dem EM-Finale.

Es könnte zum letzten werden für Gareth Southgate. Der Trainer in der schicken Anzugweste hat von seiner Laufsteg-Ausstrahlung eingebüßt. Zum zweiten Mal in Folge wurde die englische Mannschaft ausgebuht, die Aversion galt explizit dem 52-Jährigen. Viele Fans von der Insel verließen San Siro demonstrativ zur Halbzeit, von denen, die ausharrten, forderten etliche den Teammanager als Premierminister – was nach der Ära Boris Johnson keine Auszeichnung mehr ist. Journalisten aus England, im Umgang mit den Protagonisten normalerweise höflicher als in dem, was sie schließlich als Ertrag zu Papier bringen, fragten Southgate, ob er daran denke, sich an Kevin Keegan zu orientieren. Der war einer der gescheiterten Vorgänger von Southgate und gab sein Amt nach einer Niederlage gegen Deutschland ab – den Entschluss fasste er nach dem Schlusspfiff der Partie auf der Stadiontoilette.

Southgate ist davon (noch) weit entfernt. „Ich denke, ich bin die richtige Person, um die Mannschaft ins Turnier zu führen´. Ich glaube, so ist sie stabiler, ohne Zweifel.“ Und weiter mit Bezug auf die Italien-Pleite: „Ich persönlich denke, dass die Leistung ein Schritt in die richtige Richtung war.“ Er könne aufgrund des Ergebnisses aber verstehen, „dass das nicht die Reaktion sein wird“.

In England wäre man bereit, die komplette Ära Southgate wegzuspülen. Dabei hat der Coach den Fußball im Land reanimiert, und geht man durch die Liste der Nationalspieler, erscheinen die Perspektiven nach wie vor bestens. Doch es hat sich etwas eingeschlichen. Gefühlt ist es eine Scheu der Stars, Verantwortung zu übernehmen und Risiken einzugehen. Untermauert wird der Eindruck nachlassender Klasse durch Zahlen. Tordurchschnitt 2022 nur noch 0,86 (im Jahr davor 2,74). Spiele ohne Gegentor: 29 Prozent (Vergleichswert 74 Prozent). Pässe aus dem Mittelfeld in den Strafraum: im Schnitt 27 – etwas weniger als in den Southgate-Jahren seit 2017, aber eben der schlechteste Wert. Eigentlich, so lästerte die natürlich auf maximalen Krawall gebürstete „Sun“, habe das Team „nur drei Probleme: Abwehr, Mittelfeld und Angriff“.

Jude Bellingham, der Dortmunder, um den gerade ein Wettbieten zwischen Manchester City und Chelsea einsetzt (er soll 90 Millionen Euro kosten), wird von der Schelte ausgenommen, ebenso Stürmerstar Harry Kane. Aber nun erheben sich Zweifel, ob Kane dieses Jahr noch genügend Spiele haben wird, um sich als allzeitbester Torschütze der „Three Lions“ an Wayne Rooney vorbeizuscoren. Die WM-Gruppe mit Iran, USA und Wales erscheint auf einmal als anspruchsvoll. Aber vielleicht geht sie Gareth Southgate auch gar nichts mehr an.

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