London/Köln – Am Ende ihres gemeinsamen Weges hielten sie sich fest an den Händen und weinten hemmungslos: Roger Federer (41) und Rafael Nadal (36), zwei der größten Tennisspieler der Geschichte, überwältigt von den Emotionen. Ein letztes Mal hatten sie zuvor vereint auf dem Court gestanden, diesmal Seite an Seite statt wie so oft gegeneinander gekämpft – doch nun heißt es, Abschied nehmen. Und der tut besonders Nadal weh.
„Wenn Roger die Tour verlässt, geht auch ein wichtiger Teil meines Lebens“, sagte der Grand-Slam-Rekordchampion aus Spanien. Aus der Rivalität der Ausnahmespieler ist längst Freundschaft geworden, die weit über Federers Karriereende bestehen dürfte. „Wir haben eine Million Themen zu besprechen. Ich habe immer das Gefühl, dass wir an jedem gemeinsamen Abend nie genug Zeit haben“, sagte Federer.
An diesem langen Abend in der Londoner o2-Arena war zumindest genug Zeit für die ganz großen Gefühle. 20 000 Zuschauer, darunter auch der verletzte Olympiasieger Alexander Zverev, feierten Federer bei dessen Abschiedsgala. Dass dessen Profikarriere mit einer knappen Doppel-Niederlage (6:4, 6:7, 9:11) gegen das US-Duo Jack Sock und Frances Tiafoe endete, war nicht mehr als eine Randnotiz.
Noch auf dem Platz nahm Federer seine vier Kinder in den Arm. Die Töchter Myla und Charlene und die Söhne Leo und Lenny. Seine Mutter Lynette war gekommen, sein Vater Robert. Ehefrau Mirka hielt sich im Hintergrund – so wie sie es in Federers erfolgreicher Karriere immer getan hatte. Still genoss sie den Moment, die große Show, die erst weit nach Mitternacht ein Ende fand.
Die Bühne hatte sich Federer selbst bereitet – und sie hätte kaum größer sein können. Den Laver Cup, den Mannschaftsvergleich zwischen dem Team Europa und einer Weltauswahl, hatte der Schweizer mit seiner Agentur einst erfunden. Und in diesem Jahr waren sie alle nach London gekommen: Nadal, Novak Djokovic und Andy Murray. Zverev und Rod Laver. Björn Borg und John McEnroe.
Unter ihnen ragte Federer heraus, der Mann, den sie Maestro nennen. „Es war eine perfekte Reise. Ich würde es genauso noch einmal machen“, sagte er mit stockender Stimme: „Es hat sich wie eine Feier angefühlt und das war genau das, was ich wollte. Ich bin glücklich, nicht traurig.“ Immer wieder musste er das Gespräch mit dem amerikanischen Ex-Profi Jim Courier unterbrechen, weil er weinen musste. Lange Zeit schlug sich Federer im Rampenlicht tapfer. Doch als er auf seine Frau Mirka und seine vier Kinder angesprochen wurde, war es um den 41 Jahre alten Schweizer endgültig geschehen. Federer weinte bitterlich und konnte erst einmal nicht reden. Dann sagte er mit stockender Stimme zu seiner Frau. „Ohne dich wäre ich nie so weit gekommen. Du hast es mir erlaubt, immer weiter zu machen.“
Nadal zollte ihm die höchste Form der Anerkennung. „Für mich war er immer der Kerl, den ich schlagen musste. Ich bin sehr stolz, ein Teil seiner Karriere gewesen zu sein.“ Der Spanier selbst zog nach der Partie vom Laver Cup zurück. „Die letzten Wochen waren schwierig, ich habe kaum geschlafen und war gestresst“, sagte der 36-Jährige, dessen Frau während der Schwangerschaft mit Komplikationen zu kämpfen hatte. „Glücklicherweise ist jetzt alles in Ordnung, was es mir ermöglicht hat, hierher zu kommen“.
Federers eindrucksvolle Karriere endet nun nach 20 Grand-Slam-Titeln, 103 Turniersiegen und 310 Wochen an der Spitze der Weltrangliste. Federer hat Maßstäbe gesetzt – auf und neben dem Platz. Er nimmt nun seinen verdienten Platz im Kreise der Legenden ein, und die bleiben dem Tennis oft erhalten. „Das ist hier nicht das Ende, das Leben geht weiter“, sagte Federer noch in der Nacht zu Samstag. Auch Showmachtes sind nicht ausgeschlossen. sid, dpa