London – Antonio Rüdiger ist ein Seismograf. Er hat die Fähigkeiten, sich nahende Erschütterungen vor allen anderen wahrzunehmen. Das bewies er 2018, als im WM-Trainingslager in Südtirol die Stimmung als unvergleichlich gut gepriesen wurde, er aber sagte: „Dass wir die besten Freunde wären, das sehe ich nicht.“ Das Turnier wurde zum Desaster – sportlich wie zwischenmenschlich. Der Antonio Rüdiger 2022, mittlerweile kein Ergänzungsspieler mehr, sondern ein Innenverteidiger von internationalem Format bei Real Madrid, hat ebenfalls eine klare Ansage. Er tätigte sie nach der 0:1-Niederlage gegen Ungarn am Freitag in Leipzig, mit der der Gruppensieg in der Nations League außer Reichweite geriet: „Mit einem positiven Gefühl gehen wir hier nicht raus. Der Gegner wollte es mehr, er war galliger, er hat die Zweikämpfe gewonnen – und das darfst du nicht akzeptieren.“
Das 14. Spiel der Ära Hansi Flick fühlte sich an wie eine Partie in der quälend langen Endphase unter Joachim Löw. Eine erste Halbzeit, die der Bundestrainer „die schwächste“ in der Zeit seiner Verantwortung nannte, säte Zweifel, die die zweite nicht beseitigen konnte. In ihr traten die Spieler entschlossener auf, doch sie fanden keine Lösungen. Gegen die nicht für die Weltmeisterschaft qualifizierten Ungarn, die eine besondere Widerspenstigkeit haben, aber trotzdem kein Team von besonderer Klasse sind.
Und selbst Italien, das in Katar auch nicht vertreten sein wird und einen Neuaufbau mit Namenlosen eingeleitet hat, ist in der Tabelle an der deutschen Mannschaft vorbeigezogen. Um Platzierungen geht es für die DFB-Auswahl am letzten Spieltag mit der Partie gegen England in Wembley (20.45 Uhr MESZ, RTL) gar nicht mehr. Die Möglichkeit, sich 2023 mit der Teilnahme am Final-Four-Turnier Spielpraxis abseits von Freundschaftsbegegnungen zu verschaffen, ist dahin; am anderen Ende der Tabelle ist die Abstiegsfrage geklärt, es trifft England. Aber gerade die Tatsache, dass hier zwei Verlierer des Wettbewerbs aufeinandertreffen, setzt die Tonalität für dieses Klassiker-Duell.
Auf englischer Seite geht es um Trainer Gareth Southgates Job, auf deutscher darum, einen sich anbahnenden Stimmungswechsel, was den Glauben in die Fähigkeiten von Hansi Flicks Personal betrifft, abzuwenden. „Mit einem Spiel wie gegen Ungarn“, erkannte Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan, „haben wir für die WM nicht viele Argumente.“ Hansi Flick flüchtete sich nach seiner ersten Niederlage in Phrasen: Es könnte eine „zur rechten Zeit sein, lieber jetzt als in Katar“, die „Zeit der Experimente ist nun vorbei“ sowie „Jeder Spieler muss in den zwei Monaten bis zur WM individuell an sich arbeiten“. Doch ihm dürfte klar sein: Nicht hehre Worte lösen sportlich positive Erwartungen für den Höhepunkt des Jahres aus, sondern das, was auf dem Platz gezeigt wird. Bisher konnte Flicks Team auf eine zähe Vorstellung meist mit einer überzeugenden kontern, so etwas wie das 5:2 gegen Italien im Juni würde die Stimmungslage sofort verändern. Rüdiger, bester Mann gegen Ungarn, fehlt in Wembley gelbgesperrt, Flick muss die Abwehr umbauen. Der Kader muss sich nun beweisen. In einem Spiel, in dem es tabellarisch um nichts und dennoch um so vieles geht.
„Wir müssen“, fordert Joshua Kimmich, „das Gefühl ändern und mit einem Sieg uns noch mehr Selbstvertrauen holen.“ Über das „noch mehr“ muss er aber sofort schmunzeln.