Wer knipst in Katar?

von Redaktion

Das DFB-Team braucht einen echten Mittelstürmer – Die Kandidaten im Überblick

VON GÜNTER KLEIN

Leipzig/London – Joshua Kimmich hat eine Verteidigungsrede auf Timo Werner gehalten. Sie gehören einer Generation an, sind landsmannschaftlich verbunden, einfach gute Freunde. „Timo“, sagte Kimmich also, „investiert extrem viel, wenn er seine Läufe macht. Er bietet immer etwas an, hat teilweise gegen drei Leute gespielt und ist gegen den Ball extrem fleißig.“ Es klingt halt nach „Hat sich stets bemüht“ – aber nichts zustande gebracht.

Die Sicht der Öffentlichkeit auf Werner ist vielleicht nicht ganz fair. 54 Länderspiele für den 26-jährigen Schwaben belegen: Er gehört dazu. 24 Tore sind eine mehr als anständige Quote. Doch haften bleiben die Spiele der Wirkungslosigkeit und Szenen, die auf Unvermögen rückschließen lassen. Wie auch in der zweiten Halbzeit bei der 0:1-Niederlage gegen Ungarn: Einmal kommt der Leipziger in aussichtsreiche Position, doch er kann den Ball nicht kontrollieren. Sogar in der Arena, in dem man ihm, dem Rückkehrer zum örtlichen Verein, hohe Sympathie entgegenbringt, war das typische Fan-Seufzen zu vernehmen.

Die Rede ist immer von der „hohen Qualität in der Offensive“, Hansi Flick, der Bundestrainer, sagt das, Joshua Kimmich ebenso. Von Niklas Süle stammt, noch aus dem Jahr 2018, nach der missratenen WM, der Begriff „unserer drei Mopeds vorne drin“ – Timo Werner, Serge Gnabry und Leroy Sané. Alle drei bildeten auch 2022 gegen Ungarn den Angriff, und mit ihnen scheint die deutsche Elf nicht wirklich weiter gekommen zu sein. Sie stehen für einen an guten Tagen berauschenden Fußball, der aber an den schlechten als eindimensional entlarvt wird. Wie am Freitagabend in Leipzig.

Und wieder ist man mittendrin in der Stoßstürmer-Debatte. Es bräuchte zumindest als Alternative jemanden, der eine feste Nummer neun gibt, verlässlich anspielbar ist, sich furchtlos mit vierschrötigen Innenverteidigern reibt und einfach mal den Fuß hinhält und abstaubt oder sich hochschraubt und den Ball per Kopf einwuchtet. Es wäre schon ein Fortschritt, diesen Typus als Joker zu haben. Wen Flick schon mit zwei offensiven Außenverteidigern beginnt (Raum, Hofmann), muss er in der Mitte das Monster stehen haben, das die Flanken annimmt.

Der Bundestrainer scheint diese Notwendigkeit jetzt zu erkennen. Am Donnerstag erst hat er von einer „Wenn-dann-Strategie“ gesprochen. Bei 26 statt 23 Kaderplätzen könne er auch an einen Spieler „für den gewissen Moment“ denken. Einen, der mit der Brechstange in der Hand oder dem Messer zwischen den Zähnen aufläuft, erfüllt von der Mission, den Ball über die Torlinie zu bringen. Doch wer es sein soll: Zwei Monate vor der WM formieren sich die Kandidaten.

Lukas Nmecha: Der 23-Jährige, der in den U-Mannschaften für England antrat, hat sehr gute Chancen, bei der WM dabei zu sein. Doch Flick hat den Wolfsburger bisher nur verhalten getestet. In sieben Länderspielen bekam Nmecha zwischen 5 Minuten und einer Halbzeit Einsatzzeit. Gegen England wird er fehlen: Wegen Schmerzen im Kniegelenk reiste er nicht mit.

Niclas Füllkrug: Der 29-Jährige von Werder Bremen hat als wuchtiger Stürmer mit hoher Wirksamkeit in den Schlussminuten auf sich aufmerksam gemacht. Sieben Punktspiele, fünf Tore sind die Empfehlung. Füllkrug spielte mal in der deutschen U20 (2012), Verletzungen begleiteten seine Karriere. Vertrauen ihm Trainer, bringt er Leistung – das ist jedoch auch ein Muster seiner Laufbahn.

Mergim Berisha: Der neueste Name in der WM-Sonderverlosung. Der 24-Jährige hat den FC Augsburg beflügelt, und seine Qualitäten waren ja schon in der deutschen U21 sichtbar. Der Berchtesgadener mit albanischen Wurzeln durchlief die Salzburger Fußballschule, Sven Mislintat, Stuttgarts „Diamantenauge“, wollte ihn für den VfB. Zu Berishas Geschichte zählt allerdings auch, dass er sich bei Fenerbahce Istanbul nicht durchsetzen konnte.

Youssoufa Moukoko: Er ist kein Strafraum-Riese mit seinen 1,79, ähnelt als Typ eher der Moped-Gang um Timo Werner, doch ist mit seinen immer noch erst 17 Jahren das herausragende Talent des deutschen Fußballs und beweist derzeit in Dortmund, dass es ein Spiel verändert, wenn er reinkommt. Sein letztes Tor bei Borussia Dortmund war eines per Kopf. Die Nationalmannschaftskarriere ist bei Moukoko vorgezeichnet und die Frage nur, wann sie beginnt.

„Wir haben den Stoßstürmer nicht und müssen uns was einfallen lassen, wie wir unsere Qualität auf den Platz bringen“, sagt Joshua Kimmich.

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