„Der Titel ist Balsam für die Seele“

von Redaktion

RUDERN Zeidler über den WM-Sieg, den verpatzten München-Auftritt und Verbands-Zoff

München – Oliver Zeidler hat zurückgeschlagen. Nach der verpatzten Heim-Europameisterschaft von München krönte sich der 26-Jährige in Tschechien erneut zum Weltmeister. Im Interview mit unserer Zeitung spricht der Ruderer über die Wunde von München, Hilfe vom Vater und bekräftigt seine Kritik am Verband.

Herr Zeidler, Herzlichen Glückwunsch zum WM-Titel! Tröstet der Erfolg über München hinweg?

Diese Verletzung, die mir bei der EM zugefügt wurde, wird man mir nicht mehr nehmen können. Das war mehr als nur ein herber Dämpfer. Es sollte der Saisonhöhepunkt in München sein. Das war eine Situation, wie ich sie in meiner gesamten sportlichen Karriere noch nie erlebt habe. Ich wollte, war aber einfach nicht mehr in der Lage zu sprinten. Ich hatte im Juli Corona, meine Lunge war bei der EM noch nicht bei 100 Prozent. Daher ist der WM-Erfolg nun umso schöner. Das ist richtiger Balsam für die Seele. Ich habe bewiesen, dass ich das Ganze hintenraus stehen kann, auch wenn man zu Beginn loslegt wie die Feuerwehr. Das war schon eine Ansage.

Wie lange haben Sie gebraucht, um die EM zu verdauen?

Ich habe mich nach der Europameisterschaft sehr unsicher gefühlt. Ich wusste nicht, wie ich das alles bis zur Weltmeisterschaft hinbekommen soll. Da war mein Vater eine sehr große Stütze, der gesagt hat, dass wir jetzt noch härter trainieren und noch mehr investieren müssen. Ich habe das gemacht, was er gesagt hat. Ich habe blind darauf vertraut. Und das Ergebnis hat ja dann auch gezeigt, dass er Recht hatte (lacht).

Haben Sie sich vor dem Finale schon richtig stark gefühlt?

Bei der WM in Linz bin ich damals vor dem Start in die Hocke gegangen und habe richtig die Energie in mir gespürt. Da sind mir fast die Tränen ins Auge geschossen, weil ich so voll mit Energie war. Das war in Tschechien nicht der Fall. Es war nicht die hundertprozentige Tagesform, ich habe einfach wie im Blindflug unsere Taktik umgesetzt.

Wie war das Gefühl, als Sie als Weltmeister im Ziel waren?

Ich war erst mal erleichtert, weil ich gezeigt habe, dass ich den Endspurt nach wie vor draufhabe. Das war für die Psyche sehr wichtig. Danach ist man erst mal sehr fertig. Das Laktat schießt in den ganzen Körper. Man fährt zum Steg zurück, hört irgendwie noch die Musik und jubelnde Leute daneben. Das ist mehr ein Rumtänzeln, bis man wieder Boden unter den Füßen hat.

Wird der WM-Triumph Sie jetzt erst mal einige Wochen beflügeln?

Ein paar Tage wird es auf jeden Fall anhalten. Und dann muss man wieder ranklotzen, um das wiederholen zu können. Ich habe gesehen, dass die Arbeit sich lohnt. Das ist ein Motivationsschub. Da geht man noch mal mit mehr Selbstverständnis in die nächsten Trainingseinheiten und die kommende Saison.

Seit der EM ist die Kritik am Ruderverband noch mal lauter geworden. Beschäftigt Sie das nach wie vor?

Der Ruderverband ist ein Verband, der schon lange sehr stark in der Kritik steht. In den letzten Jahren haben es einzelne Bootsklassen immer noch rausgerissen, weshalb es nie so desaströs geendet ist, wie in diesem Jahr. Das ist jetzt halt nicht mehr der Fall. Deswegen muss jetzt was passieren. Es muss Hand angelegt werden, die Kritik kommt ja von so vielen Sportlern.

Und wie gehen Sie persönlich damit um?

Für mich persönlich bringt es wenig, mich mit dem Verband zu streiten. Ich habe mir hier die optimalen Trainingsbedingungen geschaffen, wie man sie sich auch auf einem Stützpunkt wünschen würde. Ich möchte aber, wenn ich auf einen Weltcup fahre, in einem Team sein, in dem Leute Bock haben, bei einer EM zu starten. Ein Team, in dem die Leute sich gegenseitig motivieren. Und eben kein Team, in dem die Leute durchgehend niedergeschlagen durch die Gänge laufen und nur von Niederlage zur Niederlage taumeln. Wir müssen in eine Kultur rein, in der wir wieder nach Erfolg streben und selbstbewusster sind. Sodass sich die Stimmung in der Mannschaft wieder bessert.

Hat das Auswirkungen auf Sie? Immerhin starten Sie in keiner Mannschaft.

Natürlich kann man sagen: Okay, der sitzt doch eh alleine im Boot. Aber, wenn die Stimmung in einer Mannschaft nicht gut ist, merkt man das. Das drückt auf das Gemüt. Das ist der einzige Punkt, an dem ich gerne arbeiten würde. Die Trainingsbedingungen an den Stützpunkten und die Professionalität, die der Leistungssport von uns allen abverlangt, müssen wir einfordern und konsequent umsetzen. Es bringt nichts, wenn der DOSB eine Richtlinie rausbringt und da reinschreibt, dass der Verband für die optimalen Trainingsbedingungen verantwortlich ist – der Verband es aber seit Jahren einfach nicht hinbekommt. Das finde ich so einfach nicht richtig und das schadet dem Rudersport. Das ist peinlich.

Immerhin hat der Ruderverband nach erneuter Kritik nun auf eine externe Lösung zurückgegriffen, um die Missstände aufzuarbeiten.

Beim DOSB gab es auch mal eine externe Beratungsfirma, die im Endeffekt dem Vorstand nur gute Arbeit attestiert hat. Ich hoffe nicht, dass das bei uns am Ende auch so laufen wird. Ich hoffe auf das Beste.

Interview: Nico-Marius Schmitz

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