London – An Thomas Müller ist ein Verkäufer verloren gegangen. Nach einem Spiel wie dem 3:3 gegen England im Wembley-Stadion, dem aufwühlenden, aber nicht gänzlich geglückten Finale in der Nations League 2022, kann er Skeptiker wie Optimisten gleichermaßen bedienen. „Da war für jeden was dabei.“
Folgendes hat er im Angebot: „Wenn man 2:0 führt und gibt das aus der Hand, kann man sagen: Das sieht kritisch aus.“ Jedoch auch: „Wer in der 65. Minute mit einem 2:0 ins Bett gegangen ist, wird dies mit einem guten Gefühl Richtung Katar getan haben.“ Und: „Wir sind nach dem 2:3 zurückgekommen. Psychologisch ist das gut.“ Die Bewertung des Abends in London lasse genügend Spielraum.
Ja, so muss man ein Spiel wohl aufdröseln, das derart merkwürdig verlief. Jeder war auf der Suche nach seiner Wahrheit. Niklas Süle fand, „dass wir es nach dem 2:0 gut verteidigt haben“. Zunächst noch, dann brachen drei Gegentreffer in elf Minuten über die DFB-Elf herein. „Wir haben Tore gefressen, die so nicht fallen dürfen.“ Andererseits: „Wir wissen, wo wir stehen und dass wir eine sehr, sehr geile Mannschaft haben.“ DFB-Direktor Oliver Bierhoff sah die Mannschaft nach einem Besuch in der Kabine zwischen „happy, dass man es gedreht hat, und Ärger“ vor, er sah die Fehler und einen verpuffenden Aufwand genauso wie die Moral und „die Sicherheit im Passspiel und in der Formation – und dann haben wir auch unsere Möglichkeiten“.
Man hatte sich beim DFB die Spieltage fünf und sechs in der Nations League anders vorgestellt. Bierhoff hatte als Ziel in seiner Jahresplanung „die ersten beiden Plätze“ stehen, der Gruppensieg und die Qualifikation fürs Final-Four-Turnier im kommenden Sommer wären im Hinblick auf die EM 2024 in Deutschland als Test-Event sehr willkommen gewesen. Doch der DFB landete hinter den Italienern, die sich einem kompletten Neuaufbau verschrieben und nach einem 2:5 im Juni in Mönchengladbach den Deutschen bewundernd vor die Füße geworfen hatten, und den als bieder eingestuften Ungarn nur auf Rang drei. Und statt sechs Punkten holte er zuletzt nur einen. „Wir hatten uns für diesen Lehrgang mehr vorgenommen“, so Thomas Müller, „doch das ist schon am Freitag zerplatzt.“ Mit dem 0:1 gegen Ungarn in Leipzig.
Thomas Müller strebt nun seinem vierten WM-Turnier entgegen. Es wird ganz anders sein als Südafrika, Brasilien, Russland, schon wegen der Terminierung mitten in der Saison, auch auf ihn kommt etwas ähnlich nie Erlebtes zu. Doch mit 33 Jahren hat er die Erfahrung und den Weitblick, um erahnen zu können, wie sich die jetzige Lage der Nationalmannschaft auf die im November/Dezember auswirken wird: Gar nicht, glaubt er. „Das Gefühl, das wir heute haben, ist egal. Es wird nicht entscheiden, wie wir in das erste WM-Spiel gehen.“ Externe Kritik müsse man abperlen lassen, sagt Müller. Auch Süle meint: „Von außen werden Dinge kritisch betrachtet, die in der Kabine gar nicht so präsent sind.“
Thomas Müller wird und muss sich wie alle erst einmal dem Geschehen im Club-Betrieb widmen, ihn vereinnahmen die Bayern mit dem Tag der Rückreise, die DFB-Auswahl steht dann erst einmal zurück. Doch Müller will mit einem Beispiel aus dem Vereinsfußball Mut machen. „Real Madrid kann für uns Vorbild sein. Real behält auch in schwierigen Phasen den Kopf oben und den Glauben an sich selbst.“ Carlo Ancelotti als derzeitiger Trainer und einer, mit dem Müller zusammengearbeitet hat („Er ist der, der am meisten gewonnen hat“), verklickere stets: „Auch wenn es nicht so gut gelaufen ist, muss man aufstehen und die Confidence bewahren.“
Daran wird Müller sich orientieren und es auch den anderen mitgeben, damit man in Katar „dem Turniermannschaftsgedanken von Deutschland gerecht wird und den Mythos aufleben lässt“. Ein schönes Schlusswort an diesem Abend, aus dem jeder – je nach Blickwinkel – etwas lernen kann.