Von Deutschland aufgebaut

von Redaktion

Englands Southgate glaubt an sein Team – wenngleich er gerne Musiala hätte: „Eine Schande“

VON GÜNTER KLEIN

London – Wesentliche Enthüllungen über die unhaltbaren Zustände auf den katarischen WM-Baustellen kamen aus England. Der „Guardian“ eruierte die Zahl von 6500 Arbeitern, die verstarben. Doch zuletzt hat sich das Königreich aus den Debatten ausgeklinkt. Der Tod der Queen nahm alles andere von der Tagesordnung. Und wenn doch über Fußball gesprochen wurde, dann in dem Kontext der Krise, in die das Nationalteam geraten war.

Doch nun kehrt das Land, das diesen Sport so lebt wie kein anderes, zu seinen Routinen zurück. Durch London fahren einige Doppeldeckerbusse, die auf „Qatar 2022“ lackiert sind – in Deutschland würde sich kein kommunaler Betreiber getrauen, offen Werbung zu fahren für die umstrittenste WM der Geschichte. Doch die mächtigen Medien sind dabei, im Sinne Katars mitzuziehen – und so bekommt England nun die Geschichte, die jedes Turnier flankiert: Wie werden die „Wags“ untergebracht, die Partnerinnen der Spieler?

Die Lösung ist: auf einem eine Milliarde Pfund teuren Kreuzfahrtschiff, das zwischen Dubai und Doha unterwegs sein wird. „Schwimmender Palast“ wird es genannt mit seinen 14 Pools und den vielen Bars, an denen es Alkohol ohne Grenzen gibt. Somit entziehen sich die Reisenden den Restriktionen, die in Doha herrschen. Die Engländerinnen dürfen ihr Engländerleben führen – aber sie müssen halt noch nominiert werden. Beziehungsweise ihre Männer. Zuständig dafür bleibt Gareth Southgate, der trotz der Serie von sechs sieglosen Spielen seinen Job behalten wird. Gerettet hat ihn die starke Phase beim 3:3 gegen Deutschland.

Alles in allem, so bilanzierte Stürmerstar Harry Kane das bewegte Spiel, sei das „eine gute Nacht für uns“ gewesen. Southgate erzählt, dass die erfahrenen Spieler im Team auf ihn zugekommen wären und eine Sitzung der Mannschaft mit Aussprache vorgeschlagen hätten. „Er ist der erfolgreichste Trainer, den England seit Jahrzehnten hat“, hatte auch der deutsche Amtskollege Hansi Flick betont. „Und seine Mannschaft ist herausragend, die Liga, aus der er die Spieler holt, die beste der Welt. Ich bin ja oft hier in England.“

Southgate kann nun weiterarbeiten, wie es ihm beliebt, er wird sich von außen nicht unter Druck setzen lassen. Verteidiger Harry Maguire war an zwei Gegentreffern ursächlich beteiligt, doch Southgate verteidigt ihn: „Er hat diese Saison noch nicht viel gespielt, doch ich weiß, was er kann.“ Auch am schwachen Torwart Nick Pope hält er fest – als Nummer zwei. Bis zur WM wird Stammkeeper Jonathan Pickford zurückkehren. Mit Jude Bellingham, 19, und Declan Rice, 23, hat Southgate ein zukunftsträchtiges Zentrum. Die Verstimmung des Dortmunders Bellingham über seine (zu) kleine Rolle bei der EM hat sich aufgelöst. Wie gerne hätte Southgate aber Zugriff auf Jamal Musiala, der überwiegend in London aufwuchs, sich jedoch für Deutschland entschied. „Wir haben versucht, ihn zu behalten. Doch beim FC Bayern hat er mit acht deutschen Nationalspielern trainiert, die ihn beeinflussten. Eine Schande.“ Aber ein schönes Medienthema für den World Cup.

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