Favoriten für die WM

Wir wissen, dass wir nichts wissen

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Die Vorbereitung auf die Fußball-WM 2022 ist abgeschlossen, das bisschen, was zwischen letztem Spieltag in den Ligen und dem Turnierstart in Katar bleibt, dient allenfalls der Anpassung an klimatische Umstände, die den meisten Beteiligten, die aus dem europäischen Winter kommen, im November, Dezember fremd sind. Die WM wird ohne die klassische Vorbereitung stattfinden, ohne ein Wiederaufladen der Batterien, ohne Trainingslager und Teambuilding-Maßnahmen. War also die Nations League wichtig, ersetzte sie die Einspielprozesse für den Jahreshöhepunkt? Nun, man hat den immer noch neu anmutenden Wettbewerb ernster genommen, ihn mit diesen Argumenten aufgewertet – doch unterm Strich sagen die sechs Spieltage wenig aus.

Man hat Erkenntnisse gewonnen über die grundsätzliche Spielstärke, doch die hatte man schon vorher. Darüber hinaus lässt sich fast nichts ableiten – weil es für die WM auf der arabischen Halbinsel kein Muster gibt. Vielleicht wird sie zu einem Turnier ohne Überraschungen und folgt streng der Hierarchie. Der Zeitpunkt mitten in der Saison könnte die Nationen entlasten, deren beste Kräfte im Juni häufig schon eingebrochen sind, weil der Mix aus nationalem und großem europäischen Clubwettbewerb sie zermartert hat. In der zweiten Novemberhälfte sind alle Spieler gleichermaßen angegriffen – aber noch nicht überlastet. Champions-League-Stars haben eine gute Chance, auch zu WM-Stars zu werden.

Es gab auch noch nie eine WM, die so eng getaktet war. In der Regel liegen zwischen erstem und zweitem Gruppenspiel sechs Tage. Das wird nun nicht der Fall sein. Alle drei, vier Tage werden die Mannschaften gefordert. Womöglich begünstigt auch das die Akteure, die diesen Rhythmus gewohnt sind.

Ein weiterer neuer Aspekt: Es gibt keine Reisebewegungen, die für Ungerechtigkeiten sorgen. Kam ja schon vor, dass Mannschaften über halbe Kontinente und durch Klimazonen gehetzt wurden, während andere überschaubare Distanzen zu bewältigen hatten.

Eine WM ist stets gut dafür, ungeahnte Dynamiken zu entwickeln. Auch außerhalb des sportlichen Bereichs. Katar, der Austragungsort, wird die Spieler auch auf gesellschaftlicher und diplomatischer Ebene fordern. Vielleicht spielt das, worüber nun noch diskutiert wird, aber auch gar keine Rolle.

günter.klein@ovb.net

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