München – An der Wetterlage hat sich in den vergangenen neun Tagen nichts geändert. Grau in grau begrüßte München die zurückgekehrten Nationalspieler gestern, um 11 Uhr hatte Julian Nagelsmann zur ersten Einheit unter dem Motto „Krisenbewältigung“ gebeten. Die Trainingsgruppe war noch überschaubar, die deutschen Nationalspieler etwa und auch diejenigen, die gestern Abend noch in Testspielen gefordert waren, standen noch nicht auf dem Platz. Das Motto für die kommenden Wochen – oder auch: die nackte Wahrheit – hatte aber vorab schon jemand formuliert, der noch bis heute Schonfrist hatte. Zitat Thomas Müller: „Na klar ist jetzt für uns Bayern-Spieler der Fokus voll auf den nächsten Wochen. Das wird anstrengend genug.“
Für die Richtigkeit dieser Aussage spricht allein das Programm. 13 Spiele in sechs Englischen Wochen stehen bis zum 12. November an, mehr als vier Tage Pause gibt es nie. Vielmehr noch aber stellt die Lage der Liga den auf Platz fünf abgerutschten Serien-Meister vor große Herausforderungen. Ein Aufschwung in München, da ist nicht nur Müller sich sicher, wäre auch für das Selbstvertrauen der Nationalmannschaft mit Blick auf die WM in Katar von Vorteil. Konkret sprach der 33-Jährige „ein natürliches Selbstverständnis, Kombinationssicherheit, Abläufe, auf die man zurückgreifen kann“ an: „Das wäre cool, wenn wir uns das erarbeiten könnten.“
Der Plan, das angeknackste Selbstvertrauen im DFB-Dress wieder aufzupolieren, ist bei der Pleite gegen Ungarn und dem 3:3 in England ja nur bedingt aufgegangen. Immerhin ein bzw. zwei gute Nachrichten aber gab es gestern auch aus dem deutschen Lager: Die wegen einer Corona-Infektion abgereisten Leon Goretzka und Manuel Neuer durften die Quarantäne verlassen – und sind für den Krisengipfel am Freitag gegen Leverkusen bereit. Gestern trainierten sie bereits mit den ersten Nationalmannschafts-Rückkehrern. Insgesamt zehn Spieler waren da – von denen manche Besseres, manche Schlechteres zu berichten hatten.
Wie die Deutschen von einer Krise in die nächste sind etwa die Franzosen Dayot Upamecano und Benjamin Pavard geschlittert. Der Sieg gegen Österreich (2:0) war nach dem 0:2 in Dänemark so gut wie vergessen, den Abstieg aus der Nations League konnte der Weltmeister nur mit Schützenhilfe abwenden. Die beiden Bayern-Verteidiger spielten 90 Minuten und verließen das Feld so frustriert wie zuletzt im Bayern-Trikot. Ähnliche Gefühle hatte Marcel Sabitzer, der mit Österreich nach der Pleite gegen Frankreich auch gegen Kroatien und Teamkollegen Josip Stanisic verlor. Die Kroaten stehen im Halbfinale, für Sabitzer und Co. hieß es: Abstieg.
Nahezu Wellness für die Seele konnten hingegen Matthijs de Ligt und Ryan Gravenberch genießen, die mit den Niederlanden nach zwei Siegen in die Runde der letzten Vier einzogen. Besonders aufregend war die Abstellperiode für Gravenberch, der von der U 21 abgezogen und für die zweite Partie ins A-Team von Louis van Gaal berufen wurde. Dort durfte er beim 1:0 gegen Belgien in der Nachspielzeit ran – während de Ligt Zuschauer blieb.
Mit Siegen und Niederlagen im Gepäck kehrten die Jugend-Nationalspieler Paul Wanner und Mathys Tel zurück. Gestern noch im Einsatz waren Alphonso Davies (der im ersten Spiel Kanadas zum 2:0 gegen WM-Gastgeber Katar ein Tor vorbereitet hatte), Noussair Mazraoui (der beim 2:0 gegen Chile nach 22 Monaten sein Comeback für Marokko gegeben hatte) und Sadio Mané. Der Superstar hatte schon beim 2:0 Senegals gegen Bolivien bewiesen, dass er noch treffen kann. Zwar nur per Elfmeter, aber immerhin. Gut für die Laune im tristen Herbst, der so oder so – danke, Müller! – anstrengend wird.